Gender Mainstreaming funktioniert nur von oben nach unten

18. September 2003, 10:25
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Tagung zur Umsetzung in der österreichischen Arbeitsmarktpolitik zeigt deutlich, wo die Grenzen der Gleichstellung liegen

Wien - Gender Mainstreaming (GM) hat sich inzwischen von einem neuen, abstrakten Begriff zu einem in aller Munde gewendet. Das wurde bei der Tagung zu Gender Mainstreaming in der österreichischen Arbeitsmarktpolitik am Dienstag in Wien klar. Obwohl GM inzwischen zu einem prinzipiellen Bekenntnis fast aller Institutionen und AkteurInnen im Bildungs- und Arbeitsbereich wurde, ist die Umsetzung wichtig, wie Nadja Bergmann und Irene Pimminger von der Koordinationsstelle für Gender Mainstreaming im ESF betonten.

Denn GM ist eine Top-Down Strategie, bei der die Verantwortung für die Umsetzung der Führungs- und Entscheidungsebene obliegt. So ist ein zuverlässiger Gradmesser für die Ernsthaftigkeit von Gender Mainstreaming, ob eine Institution, eine Organisation, ein Amt, die Politik auch die notwendigen Ressourcen zur Umsetzung von GM bereit stellt.

Was ist Gender Mainstreaming?

Gender Mainstreaming ist eine Strategie zur Förderung der Gleichstellung von Frauen und Männern, die von der Europäischen Union (EU) als zentrale Gleichstellungsstrategie übernommen wurde. "Gender" ist das "soziale Geschlecht" (im Gegensatz zum biologischen Geschlecht) und "Mainstreaming" kann quasi mit "in den Hauptstrom bringen" übersetzt werden. "Gender Mainstreaming" bedeutet, soziale Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern in allen Bereichen und bei allen Planungs- und Entscheidungsschritten immer bewusst wahrzunehmen und zu berücksichtigen - also der Ungleichheit entgegen zu wirken.

Im Idealfall werden alle Vorhaben auf mögliche geschlechtsspezifische Auswirkungen überprüft und so gestaltet, dass sie auch einen Beitrag zur Förderung der Gleichstellung von Frauen und Männern leisten. Die Umsetzung von GM in der österreichischen Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik ist der EU gemäß dem Amsterdamer Vertrag und dem Europäischen Sozialfonds (im Ziel-3-Programm des ESF für 2000-2006) ein wichtiges Anliegen.

Noch große Lücken

Zur Halbzeit der Strukturfondsverordnung der EU führe die EU gerade "eine umfassende Evaluierung dieser wichtigen Instrumente" durch und bereite sich auf die Halbzeitbewertung vor, erklärte Luisella Pavan-Woolfe, Direktorin in der Europäischen Kommission. Sie verdeutlichte weiterhin bestehende geschlechtsspezifische Unterschiede: "23,5 Millionen Frauen müssten noch erwerbstätig werden, um die geschlechtsspezifische Erwerbslücke zu schließen! Frauen müssten im Durchschnitt um 16 Prozent mehr verdienen, um die geschlechtsspezifischen Einkommensunterschiede abzubauen! Dieser Prozentsatz erhöht sich im privaten Sektor sogar auf 23 Prozent."

Um die Gleichstellung erfolgreich in den Fonds zu implementieren, ruft Pavan-Woolfe die EU-Mitgliedsstaaten zu einigen Sofortmaßnahmen auf: unter anderem die Bereitstellung von Finanzmitteln für GM, Sensibilisierungsmaßnahmen, verstärkter Rückgriff auf das Fachwissen von GM-ExpertInnen, die Verwendung von nach Geschlecht aufgeschlüsselten Statistiken wie auch zusätzliche Bonus-Punkte bei der Auswahl von Projekten für jene, die zur Gleichstellungsförderung beitragen.

GM evaluiert

In Österreich wurde für den Informationsfluss und die Vernetzung vor rund drei Jahren die Koordinationsstelle für Gender Mainstreaming im ESF eingerichtet. Sie wurde auf Europaebene mehrmals als "best practice Beispiel" angeführt und gilt inzwischen als zentrale Anlaufstelle zum Thema Gender Mainstreaming, wie Uli Rebhandl vom Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit (BMWA) betonte.

Im Auftrag des BMWA untersuchen das Institut für Höhere Studien (IHS) und das Wirtschaftsforschungsinstitut die Implementierung von GM und die geschlechtsspezifische Wirkung der umgesetzten Maßnahmen am Arbeitsmarkt - alles bezogen auf das Ziel-3-Programm des ESF. Die Evaluierung erfolgt seit 2001 und dauert noch bis März 2005.

Angela Wroblewski präsentierte bei der Tagung erste (Zwischen)Ergebnisse der Evaluierung: "Die bisherigen Erfahrungen mit GM zeigen, dass diese Strategie nur dann umgesetzt werden kann, wenn dies von der Leitungsebene getragen wird und mit konkreten Weichenstellungen verbunden ist, wie z.B. die Definition von Zielsetzungen und Verantwortlichkeiten, um die Umsetzung auf unteren Ebenen zu gewährleisten. Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Bereitstellung von internen, d.h. zeitlichen und finanziellen, und externen Ressourcen, wie die GeM-Koordinationsstelle, zur Unterstützung des Implementierungsprozesses."
Daniela Yeoh

Link

Koordinationsstelle für Gender Mainstreaming im ESF.

Die Koordinationsstelle gibt es seit rund drei Jahren. Sie ist Informations-
drehscheibe und Serviceberatungsstelle für alle AkteurInnen am Arbeitsmarkt. Dort finden sich auch weitere Infos zu GM und Leitfäden zu deren Umsetzung.

  • Gender Mainstreaming in der österreichischen Arbeitsmarktpolitik ... zahlreiche AkteurInnen (aus Ministerien, vom AMS, Frauen- und Mädchenprojekten, ...) interessierten sich für Zwischenbilanz und Perspektiven der Umsetzung.
    foto: thomas eglseer
    Gender Mainstreaming in der österreichischen Arbeitsmarktpolitik ... zahlreiche AkteurInnen (aus Ministerien, vom AMS, Frauen- und Mädchenprojekten, ...) interessierten sich für Zwischenbilanz und Perspektiven der Umsetzung.
  • Gender Mainstreaming ist eine Top-Down Strategie, bei der die Verantwortung für die Umsetzung der Führungs- und Entscheidungsebene obliegt. Das verdeutlichten Irene Pimminger (links) und Nadja Bergmann von der GeM-Koordinationsstelle.
    foto: thomas eglseer
    Gender Mainstreaming ist eine Top-Down Strategie, bei der die Verantwortung für die Umsetzung der Führungs- und Entscheidungsebene obliegt. Das verdeutlichten Irene Pimminger (links) und Nadja Bergmann
    von der GeM-
    Koordinationsstelle.
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