So viel Eröffnung war noch nie

23. September 2003, 19:18
6 Postings

Straßenbaureferent Hiesl stellt alle Regierungskollegen in den Schatten: Keine Umfahrung und kein Tunnel, den der VP-Landesrat nicht persönlich für den Verkehr freigibt

Linz - Sein (Wahl-)Ziel ist auf jeder der unzähligen Einladungen nachzulesen: "Die Straßeninfrastruktur in Oberösterreich an die europäische Spitze zu führen."

Um dies zu erreichen, legt Franz Hiesl ein bisher unerreichtes Tempo vor. Kein anderer oberösterreichischer Landesrat schneidet so viele Bänder durch oder lädt so oft zum Spatenstich wie der ÖVP-Straßenbaureferent. Lediglich SPÖ-Verkehrslandesrat Erich Haider könnte ihm dabei Konkurrenz machen.

Bis zur Landtagswahl am 28. September jagt eine Eröffnung die andere. 19. September, 10.30 Uhr: Eröffnung des vierstreifigen Ausbaus der Steyregger Brücke. Am selben Tag um 14.30 Uhr Verkehrsfreigabe der A9-Tunnelkette Klaus. Tags darauf, 20. September, 10 Uhr Spatenstich Umfahrung Arnreit, um 13 Uhr Eröffnung der Umfahrung Neumarkt, so der Auszug aus dem Terminkalender für den Rest der Woche.

Im Vergleich dazu das Programm von Haider: 12. September, 9 Uhr Grundsteinlegung und Baustellenführung Neubau Linz Hauptbahnhof, 15. September, 9.30 Uhr Spatenstich zum Neubau Wels Hauptbahnhof. Aber selbst bei diesen Terminen hat sich Hiesl auf die Einladungsliste hinaufreklamiert. Die Chance, gerade im Intensivwahlkampf Bürgernähe zu demonstrieren, lassen die Regierungsmitglieder nur ungern aus.

Haider, der auch das Wohnbauressort hat, erschien etwa vorige Woche bei der Übergabe einer Wohnanlage der Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft (GWG) Linz zum Festakt. Erst am Wochenende zuvor hatte er mit GWG-Mietern in Linz-Auwiesen die Fertigstellung der Fassadensanierung mit gegrilltem Spanferkel und Fußballturnier gefeiert. Gegen den schwarzen GWG-Geschäftsführer trat der rote Haider zum Elfmeterschießen auf dem neuen Kunstrasenplatz der Wohnanlage an.

24 große Straßen

Seit Juni dieses Jahres wiederum hat Hiesl allein 24 große Straßen eröffnet, berichtete der bauverliebte Landesrat.

Darunter befand sich auch seine Lieblingsbaustelle Welser Westspange, der Lückenschluss zwischen Phyrn- und Innkreisautobahn. Über diese Verkehrsfreigabe freute er sich am meisten: "Wenn die Westspange mehr Kurven hätte, würde ich jede einzelne davon eröffnen." Dieses Zitat des begeisterten Straßenbauers kann man fast schon legendär nennen.

Aber auch für den Bau von so genannten niederrangigen Straßen kann sich Hiesl begeistern. Sogar Güterwege übergibt er nach Möglichkeit persönlich ihrer Bestimmung. Seine Euphorie für den Bau geht so weit, dass er selbst Abbiegespuren für den Verkehr freigibt. So lud er im Juli vorigen Jahres zur Eröffnung der Linksabbiegespur zur Heeresunteroffizierskaserne nach Enns (viele Redaktionen hielten diese Einladung für einen Scherz und versicherten sich in Hiesls Büro über die Richtigkeit dieses Termins).

Wenn der Landesrat über "Aktuelles aus dem Straßenbau" informiert, schwärmt er in Superlativen: "In Oberösterreich befindet sich die größte Autobahnbaustelle Österreichs" oder "derzeit läuft die größte Straßenbauinfrastrukturoffensive in der Geschichte unseres Bundeslandes".

"Wir geben Vollgas", schließlich sei er "Baureferent, kein Nichtbaureferent", betont Hiesl immer wieder - außerdem noch Familienlandesrat und Landeshauptmannstellvertreter.

15 Stunden baggern

Seine offensichtliche Vorliebe für das eine Ressort machte es den Parteifreunden leicht, das passende Geschenk zum 50. Geburtstag zu finden: einen Gutschein für einen Baggerkurs. Und den hat er in diesen Sommerferien eingelöst. 15 Stunden hat er auf Baustellen verschiedene Bagger gesteuert.

Den Freiheitlichen ist dieser (wahl)werbewirksame Eröffnungsmarathon des ÖVPlers mittlerweile ein Dorn im Auge. Dabei sucht auch FPÖ-Spitzenkandidat Günther Steinkellner das Bad in der Menge. So erschien er als Ehrengast zur Eröffnung des neuen Rathauses vorigen Samstag in Leonding bei Linz. Anschließend ging er noch auf sieben weiterer öffentliche Termine im Rahmen des Wahlkampfes.

Auch SPÖ-Regierungskollegin Silvia Stöger ärgert sich über den "Betonierer" Hiesl. Feiert die Natur- und Gesundheitslandesrätin doch derzeit die Ernennung von Gemeinden zur "gesunden Gemeinde". In Enns verteilte sie bei diesem Fest Äpfel auf dem Hauptplatz und machte sich für mehr Bewegung in der Natur stark. Kein Wunder, dass ihr Hiesls Vorstoß für ein Baubeschleunigungsgesetz missfällt. Den Gesetzesentwurf lehnte sie deshalb ab. Ihr Kontrahent will das für sein Verständnis oft viel zu lang dauernde Naturschutzverfahren streichen. Dafür sollen Umweltanwalt und Naturschutz bei der Planung neuer Straßen mit eingebunden werden.

Kein "Freibrief"

"Mit diesem Gesetz will sich die ÖVP einen Freibrief verschaffen, um künftig völlig ungehindert unsere Landschaft zupflastern zu können", bremst Stöger den Landesrat ein. Für sie ist dieser Gesetzesentwurf ein Auswuchs des Wahlkampfes. Als reine Blockadepolitik stempelt Hiesl das Nein zum Entwurf ab. Das Beispiel liege vor seiner Haustür in Perg. Dort soll ein für sein Empfinden ökologisch wertloser Acker für den Zubringer nach Münzbach (Bezirk Perg) aus Naturschutzgründen untertunnelt werden. Völlig "sinnlos" für den Straßenfan, mit diesem Ansuchen werde nur der Bau verzögert. Sind doch für ihn "gut ausgebaute Straßen die Wohlstandsachsen der Zukunft".(DER STANDARD, Printausgabe, 17.9.2003)

Kerstin Scheller
  • "Wenn die Westspange mehr Kurven hätte, würde ich jede einzelne davon eröffnen", sagt Baggerfan Hiesl.
    foto: land oö

    "Wenn die Westspange mehr Kurven hätte, würde ich jede einzelne davon eröffnen", sagt Baggerfan Hiesl.

Share if you care.