Alternde "zu Trotteln gepflegt"

1. Oktober 2003, 15:04
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Der Berufsverband der Pflegeberufe übt nach dem Lainzer Skandal jetzt massiv Kritik - Handle die Politik nicht sofort, werde man auf die Straße gehen

Wien - "Lainz kann überall passieren", das habe mit den Gegebenheiten vor Ort nichts zu tun. Christine Ecker und Gertrude Allmer vom Berufsverband der Pflegeberufe nehmen sich nach Bekanntwerden der Missstände im Geriatriezentrum Am Wienerwald kein Blatt vor den Mund: Der Pflegeskandal sei "Ausdruck eines schwer kranken Finanzierungs-, Leistungs- und Bildungssystems", in dem Ältere "ins Bett ,hineingepflegt' werden und nicht ,hinaus'."

Die Forderungen des Pflegepersonals im Detail: bessere Bezahlung und Aufwertung des Pflegeberufes, mehr Personal an den Betten, ein bundesweites Pflegeheimgesetz und Qualitätskontrolle in der Pflege durch eigene Experten. Würde die Politik nach den Vorfällen in Lainz nicht endlich aktiv werden, überlege man Demonstrationen des Pflegepersonals zu organisieren, um "Druck zu erzeugen".

Wie berichtet, wurden in Lainz Patienten über Monate nicht gebadet, nicht zur Toilette und mit Windeln schon nachmittags zu Bett gebracht.

Pflegeforscher Erwin Böhm ärgert, dass seit Jahrzehnten Pflegekonzepte in der Schublade lägen, die die Rehabilitation von alternden Menschen zum Ziel hätten. Stattdessen würden sie "zu Trotteln gepflegt", weil sie bloß im Bett "aufbewahrt" würden. Hella Manger-Kogler von der Arge Pflegeheime versteht daher nicht, warum "die Praxis", also das Pflegepersonal, nicht in die Planung, Organisation und bei der Gesetzesbildung einbezogen werde. Entscheidungen würden nur auf der "Wirtschaftsebene" getroffen, die "menschliche, moralische und menschenrechtliche Situation" werde kaum bedacht.

Gegen Ärztekontrolle

Sauer ist man beim Berufsverband, weil Ärzte die Arbeit des Pflegepersonals kontrollieren, ohne jemals die Pflege gelernt zu haben. Man sehe das am Beispiel Werner Vogt. Der ehemalige Chirurg wurde als Pflegeanwalt nominiert und soll ab Oktober Beschwerden in Heimen überprüfen. "Pflege braucht Kontrolle", stellt Juristin Allmer klar, "aber keine medizinische." Ärzte würden sich schön bedanken, wenn Pfleger über ihre Arbeit wachen.

Dringend nötig sei auch die Reform der Ausbildung. Man brauche eine akademische Ausbildung, damit über die Forschung neue Konzepte entwickelt würden, meint Marianne Kriegl. Sie ist als Direktorin der Krankenpflegeschulen überzeugt, dass die Ausbildung durchlässiger werden müsse: Alle Bildungsebenen bis zum Uni-Diplom einrichten, ein Wechsel zwischen allen Sparten der Gesundheitsberufe solle ebenso möglich sein wie ein breiter und finanziell leistbarer Zugang.

Die Politik, die das Gesundheitssystem verantworte, versage völlig - im Allgemeinen, im Einzelnen auch Stadträtin Elisabeth Pittermann. Hinter sie stellte sich erneut Bürgermeister Michael Häupl und wehrte Rücktrittsforderungen ab. Verbandspräsidentin Christine Ecker sagt, sie habe im November 2002 Pittermann über Strukturmängel in Wien informiert. Tatsächlich habe ein Gespräch stattgefunden, heißt es im Büro der Stadträtin, es sei aber um die Einrichtung eines Studiums gegangen, das Pittermann für nicht zielführend halte. (aw/DER STANDARD, Printausgabe, 17.09.2003)

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    Pflege sei rehabilitativ anzulegen, nicht als "Aufbewahrung" Älterer zu verstehen, fordert der Pflegeverband.

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