Schmeißt ihn raus!

23. September 2003, 17:58
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Die Palästinenser sollten den "Nicolae Ceausescu des Nahen Ostens" selbst aus seinem Amtssitz zu entfernen - Kommentar der anderen von Tobias Kaufmann

Die internationale Staatengemeinschaft kritisiert die israelische Regierung für den Wunsch, Yassir Arafat ins Exil zu schicken. Lieber sollte sie die Palästinenser ermuntern, den "Nicolae Ceau¸sescu des Nahen Ostens" selbst aus seinem Amtssitz zu entfernen.

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Ein alter Mann steht am Fenster und wirft Handküsschen zu den jubelnden Schülern. Sie haben sich nur für ihn auf die Straße begeben. Ganz spontan natürlich, wie immer. Es geht Yassir Arafat gut in diesen Tagen. Spätestens seit dem Grundsatzbeschluss des israelischen Kabinetts, den Palästinenserpräsidenten aus seinem Amtssitz entfernen zu wollen, läuft er wieder zur Hochform auf. Er trägt seine Fantasieuniform und sein Folklore-Palästinensertuch und spielt die letzte Paraderolle, die ihm geblieben ist: Der Vater der palästinensischen Nation trotzt dem nahen Tod durch die zionistischen Besatzer.

Im März 2002, als Israels Armee seinen Amtssitz halb niederriss und dann umstellte, ließ sich Arafat bei Kerzenschein interviewen und streckte eine runzelige Kartoffel in die Kameras. "Seht her", sollte das heißen, "wir haben keinen Strom, und bald verhungern wir hier drin." Doch er ist nicht nur dem Hunger-, sondern auch dem Scheintod durch Ignorieren von der Schippe gesprungen, den Israel und die USA Arafat zugedacht hatten. Dank der Europäer, die ihn weiter fleißig konsultierten. Nun redet er wieder davon, eher sterben zu wollen, als sich aus seiner Heimat verjagen zu lassen.

"Heimat", das heißt Jerusalem und nicht etwa Kairo, was nach Ansicht seriöser Arafat-Biografen seine tatsächliche Geburtsstadt ist. Doch egal, ob er ein echter oder nur ein Polit-Palästinenser ist - die Mitglieder des UN-Sicherheitsrats haben den Ausweisungsbeschluss kritisiert. Allerdings aus völlig unterschiedlichen Motiven. Die Amerikaner haben persönliche Gründe. Bush will sich seinen Generalplan vom befriedeten Nahen Osten nicht davon kaputt machen lassen, dass Arafat in einem arabischen Staat als Asylant für Aufruhr sorgt. Arabische Staaten wie Syrien sind nicht nur gegen Israels Entscheidung, weil sie in diesem Konflikt zu ihren palästinensischen Brüdern stehen, sondern auch, weil der Exilant Arafat für keinen arabischen Staat eine hübsche Vorstellung ist. Ehemalige Gastgeber wie das jordanische Königshaus erinnern sich schließlich mit Grausen an das Wirken seiner Entourage.

Was aber die Europäer reitet, sich immer wieder hinter Arafat zu stellen, der ihr Geld seit Jahren dreist veruntreut, bleibt ein Rätsel. Sollten sie immer noch nicht aus ihrem Traum vom Friedensnobelpreisträger erwacht sein?

Moralisch gibt es keinen Grund, Arafat vor dem Rausschmiss zu bewahren. Strafbank und rote Karte sind nicht nur im Sport bewährte Mittel, um notorischen Rabauken eine Pause und dem Spiel einen regelgerechten Ablauf zu gönnen. Richtig - und zwar aus rein taktischer Sicht - mag die Analyse der UN dennoch sein, eine Ausweisung sei "nicht hilfreich". Zu groß ist die Angst, einen Märtyrer zu erschaffen und das Friedenshindernis Arafat noch weiter aufzupumpen. Genau deshalb hat Israels ehemaliger Außenminister Shimon Peres die Pläne der Armee, Arafat zu töten, einst mit den Worten abgelehnt: "Wozu brauchen wir einen zweiten Jesus?"

Von Taktik abgesehen ist Israel nicht dafür zuständig, Arafat von der Macht zu entfernen. Er regiert, obwohl seine Amtszeit schon vor vier Jahren abgelaufen ist. Weder ein Wahlgesetz noch ein Wahlregister hat seine Regierung seit 1996 aufgestellt, von einer funktionierenden Müllabfuhr ganz zu schweigen.

Der Lebensstandard der Palästinenser ist stetig gesunken, seit Arafat regiert. Er selbst aber liegt im US-Magazin Forbes mit einem geschätzten Vermögen von 300 Millionen Dollar auf Rang sechs der weltweit reichsten Staatsmänner. Er hat korrupten Weggefährten aus Zeiten des tunesischen Exils wichtige und einträgliche Posten zugeschachert und gut ausgebildeten heimischen Nachwuchs so in die Arme der Islamisten getrieben. Auch für die widerlichsten Auswüchse der palästinensischen Gesellschaft - bezahlte Selbstmordattentate und eine regelrechte Kinderintifada - ist der Multichef von Volk, Partei und Bewegung persönlich verantwortlich.

Am Verhandlungstisch schließlich hat er die Friedenshoffnungen seines Volkes zerstört. Der palästinensische Intellektuelle Edward Said sagt über Arafat: "Seine Versagensbilanz ist zu groß und seine Führungsqualitäten sind zu schwach und zu sehr von Inkompetenz geprägt, als dass er eine neue Chance erhalten sollte, sich zu retten."

Um das Friedenshindernis Arafat zu beseitigen, gehört sein Amtssitz tatsächlich gestürmt. Aber nicht von Israel, sondern von den Palästinensern. Da er dafür gesorgt hat, dass sie ihn nicht abwählen können, müssten eher heute als morgen bewaffnete Oppositionelle diesen Präsidenten wegen Hochverrats für abgesetzt und verhaftet erklären. Nicht Jesus Christus ist dafür der passende historische Vergleich, sondern Nicolae Ceau¸sescu. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.9.2003)

Tobias Kaufmann lebt und arbeitet als freier Journalist in Berlin und hat im Vorjahr zusammen mit Manja Orlowski das Buch "Ich würde mich auch wehren ... - Antisemitismus und Israel-Kritik - Bestandsaufnahme nach Möllemann" herausgegeben
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