Waris Diries Rückblick ohne Zorn

16. September 2003, 11:52
posten

450 Gäste lauschten bei der "Siemens Academy of Life" gespannt den Ausführungen der nunmehrigen Bestsellerautorin und UN-Sonderbotschafterin gegen die Beschneidung von Frauen

Der Saal des Siemens-Forums ist bis auf den letzten Sitzplatz gefüllt. Gespannt warten die Gäste der Siemens Academy of Life auf den Auftritt von Waris Dirie, die bis 1997 hauptsächlich als schweigendes, schönes Gesicht via Titelseiten von Hochglanzmagazinen um die Welt gegangen ist.

Was steckt hinter dieser Persönlichkeit, die nun, gleich einer scheuen Raubkatze, mit glänzendem, beinahe traurigem Blick zwischen der Moderatorin Barbara van Melle und der Dolmetscherin auf dem Podium ihren Platz einnimmt?

Desertdawn

Wer ein allürenreiches Topmodel erwartet hat, wurde positiv überrascht von einer ungeschminkten, natürlichen und sich bestimmt, aber bescheiden präsentierenden Schönheit. - Einer Frau, die zusammenzuckt, wenn sie auf ihr Leben, ihr Leiden und ihren Erfolg angesprochen wird, und auftaut, wenn es darum geht, über ihre jüngst gegründete Foundation "Desertdawn" zu sprechen.

1997 brach das damalige Supermodel in einem Interview mit dem Modemagazin Marie Claire das Schweigen über ihr Kindheitstrauma, um die Welt auf Millionen von afrikanischen Frauen, die wie sie selbst an den Folgen einer rituellen Genitalverstümmelung zu leiden haben, aufmerksam zu machen.

Nach besagtem Interview begann Waris Diries zweite Karriere als UN-Botschafterin gegen die Beschneidung. Barbara van Melle wartet mit Daten, Zahlen und Fakten auf: Täglich werden rund 6000 junge Mädchen in 28 Ländern dieser "ehrenvollen" Verstümmelung ausgesetzt. Eine unbeschnittene Frau ist auch heute in Somalia nichts wert. Sie wird aus der Gesellschaft ausgestoßen und bleibt unverheiratet. Dirie will nichts zu dem Thema sagen. Sie hat schon alles geschrieben. Im Buch "Wüstenblume", das sich elf Millionen Mal verkauft hat.

Das alltägliche Grauen

Van Melle zitiert daraus, grausam und ergreifend zugleich. Von einem fünfjährigen Mädchen ist die Rede, dem von einer Zigeunerin ohne Betäubung mit einer stumpfen Rasierklinge Klitoris und Schamlippen abgeschnitten werden. Danach wird ihm die klaffende Wunde mit Dornen zugenäht. - Betroffenheit macht sich im Saal breit, Gänsehaut kommt auf, die Schals werden enger um die Körper geschlungen.

Trotz Landesflucht und der Eroberung einer "besseren" und "zivilisierteren" Welt hat Dirie ihrer Heimat nicht den Rücken zugekehrt. Im Gegenteil, sie findet in Afrika das, was ihr in der westlichen Welt "verkümmert" erscheint: Familienbande (zur Mutter und den Schwestern), inneren Frieden und Gottesvertrauen in sich und die Natur.

Auf die Frage, was ihr Ruhm und Reichtum bedeute, wirkt Dirie verblüfft: "Geld ist nicht alles. Aber es kann nicht schaden, wenn genügend davon übrig bleibt, um Gutes zu leisten". Die UN-Sonderbotschafterin investiert ihr Vermögen aus "Catwalkzeiten" in Aufklärungskampagnen, Bildung und medizinische Versorgung, um den Frauen Somalias ihr eigenes Schicksal zu ersparen und zu Gesundheit und höherer Lebensqualität zu verhelfen. Eine Frau aus dem Publikum fragt, wie sie helfen könne. "Write a check!", so die ebenso knappe wie präzise Antwort.

Zu Waris Diries Füßen sitzen die DepartmentleiterInnen diverser Fokusgruppen. (Philosophie, Psychologie, "Bühne des Lebens", Recht und Ethik, Weltbild, Kommunikation, Beziehung und System sowie Naturwissenschaft). Was das Potenzial zu angeregter Diskussion hätte, beschränkt sich aber auf Fragen wie: "Welche Musik bewegt Sie?", "Wie stehen Sie zu den Drogen in Ihrem Land?" und "Was raten Sie einem Manager, der sich in Somalia niederlassen will?" (Genoveva Kriechbaum, DER STANDARD Printausgabe, 13.9.2003)

Share if you care.