Vom Topmodel zur Weltverbesserin

17. September 2003, 11:49
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Waris Dirie wuchs in einem Land auf, in dem Mädchen verstümmelt werden - Mit ihrem festen Willen tritt sie an, dem millionenfach geübten Unrecht ein Ende zu setzen

Waris Dirie hatte Pech, dass sie in einem Land geboren wurde, in dem Mädchen verstümmelt werden. Sie hatte Glück, dass sie zu einer Schönheit heranwuchs. Sie hat einen starken Glauben, der Berge versetzt. Und einen festen Willen, mit dem sie antritt, dem millionenfach geübten Unrecht ein Ende zu setzen.

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Waris Dirie sitzt im Restaurant Do & Co mit Blick auf den Stephansdom. Gestern ist sie in ihrem Haus in Cardiff/Großbritannien gestürzt und hat sich die Schulter gebrochen. Trotz großer Schmerzen ist sie nach Wien gekommen, um am Mittwochabend bei der "Siemens Academy of Life" vor Hunderten Studenten Auskunft über ihr Leben, ihre Karriere und ihre Visionen zu geben.

Stolpern, wieder aufstehen, seinen Weg gehen, auch unter Schmerzen, das war Alltag für die Tochter einer Nomadenfamilie aus Somalia. Im Alter von fünf Jahren wurde Waris, auf Deutsch Wüstenblume, dem grausamen Ritual der Beschneidung ausgeliefert. Als Kind arbeitete sie als Hüterin der Ziegen ihres Onkels. Zu den Jobinhalten zählten das Verscheuchen von Hyänen, kilometerlange Märsche auf der Suche nach Wasser, durch Busch und Steppe, barfuß. Nicht selten durchbohrten Dornen den ganzen Fuß.

Flucht mit Zwölf

Zwölfjährig flüchtete sie von daheim, um der Verheiratung mit einem Greis zu entgehen. - Eine Flucht, deren Ziel nur "weg" hieß, denn "woanders" kannte sie ja nicht. Nach einer mehrjährigen Zwischenstation bei Verwandten in Mogadischu, wo sie nach eigenen Aussagen unter sklavenhaften Bedingungen im Haushalt half, ließ sie ein Onkel, damals Botschafter Somalias in London, in die Themse-Metropole nachkommen.

Nach dessen Rückkehr in die Heimat blieb Dirie allein in London zurück. Bei der Arbeit als Küchenhilfe in einer Fastfoodkette entdeckt sie ein Fotograf, macht Probeaufnahmen, zeigt diese einer Agentur, die die schwarze Schönheit unverzüglich unter Vertrag nimmt. Dirie lernt Englisch, Lesen und Schreiben und startet ihre Karriere als internationales Supermodel.

1991 übersiedelte sie nach New York, wo sie 1997 ihren Sohn Aleeke zur Welt bringt. Kurz darauf rief ihr Agent an, um ihre Zusage zu einem Interview mit einer Frauenzeitschrift über das Leben als Supermodel einzuholen. "Ich herrschte ihn an, ob er denn glaube, dass ich als Mutter eines Säuglings nichts anderes zu tun hätte", erinnert sich Dirie. Das Fashion-Getriebe hätte sie damals schon reichlich genervt, konstatiert sie, sie habe über Alternativen nachgedacht und immer wieder darüber, wie sie Kindern das entsetzliche Leid ersparen könnte, das ihr angetan wurde.

Interview brachte Stimmungswandel

Dann kam es zum Stimmungswandel, der letztendlich Weichenstellung für ihre zweite Karriere werden sollte. "Ich beschloss, das Interview doch zu geben und dabei über die barbarische, in 28 Ländern gepflogene Praktik zu sprechen, die weltweit geschätzte 150 Millionen Frauen betrifft.

Die Zeitungen rund um den Globus nahmen das Thema auf. Die UNO wurde hellhörig und setzte Dirie als ihre Sonderbotschafterin im Kampf gegen die Beschneidung ein. 1998 schrieb sie ihr erstes Buch "Wüstenblume", das inzwischen eine verkaufte Auflage von elf Millionen Stück erreicht hat und in 51 Sprachen übersetzt wurde.

Nun will Dirie in allen 28 Ländern, in denen Frauen beschnitten werden, aufräumen. Durch Taten, die Geld kosten: Die Beschneiderinnen werden in Spitälern des Roten Kreuzes zu Gesundheitspflegerinnen umgeschult. Und die Koranprediger, die in Ländern mit 85 Prozent Analphabetismusrate das einzige Informationsmedium sind, werden gekauft, damit sie aufhören zu behaupten, der Koran schreibe die barbarische Praktik vor.

50.000 Euro pro Land

Das Geld - 50.000 Euro kostet das Projekt je Land - treibt Dirie unter anderem durch ihre öffentliche Auftritte, Charity-Dinners und über Sponsoren auf. Ach ja, für die Filmrechte für "Wüstenblume" interessieren sich derzeit die Oscar-Preisträger Peter Hermann und und Steven Spielberg.

"I think I am blessed!", jubelt Dirie dankbar für ihr außergewöhnliches Leben. Ob da noch Wünsche offen sind? "Ja, einen österreichischen Pass und dann nach Wien ziehen", wo die Zentrale ihrer Foundation schon ist. (DER STANDARD Printausgabe, 13.9.2003, zug)

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BA-CA

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desertdawn.org

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    1999 erhielt Waris Dirie den deutschen Afrikapreis, 2002 wurde ihr für "Nomadentochter" in München der internationale Buchpreis Corine verliehen

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