Luftige Quantenphysik für Springer und Tänzer

15. September 2003, 19:24
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William Forsythe ist derzeit Gast des Tanzquartier Wien - Der revolutionäre Ballettchoreograf im STANDARD-Interview

Der revolutionäre Ballettchoreograf William Forsythe ist derzeit Gast des Tanzquartier Wien. Im Gespräch mit Helmut Ploebst erzählt er über Superpositionen, selbstorganisierende Räume, die Unabhängigkeit von Tanz und Choreografie und gewisse Herausforderungen an eine architektonische Waise.


Wien - Die choreografische Installation White Bouncy Castle, die jetzt in der Halle E des Tanzquartiers im Museumsquartier zu "autophysischer" Benutzung in spielerischer Gemeinsamkeit einlädt, ist nur eines unter zahlreichen Projekten, die William Forsythe seit einigen Jahren außerhalb traditioneller Theaterarchitekturen durchführt.

In Wien waren bisher ausschließlich seine Bühnenarbeiten zu sehen: vergangenen April in der Wiener Staatsoper ein Pas de deux aus dem Ballett Slingerland, 1999 bei den Wiener Festwochen sein Stück Alie/na(c)tion, und 1998 gastierte er mit seinem großartigen Eidos:Telos bei ImPulsTanz. Nun erklärt der Choreograf den künstlerischen Hintergrund seiner zunehmenden Distanz zu den Theaterbühnen. STANDARD: Sie haben "White Bouncy Castle" als ihr erfolgreichstes choreografisches Konzept bezeichnet. Warum?

William Forsythe: Das hat mit einem Artikel zu tun, in dem der französische Dichter Victor Hugo argumentierte, dass seinerzeit das Aufkommen der Druckmedien die Kathedralenarchitektur als Technologie der Informationsvermittlung zerstörten. Ich glaube, unser Ziel heute ist es, die Theater rückzubauen. Theater stellt eine Präsentationstechnologie dar, die bis zu einem gewissen Maß noch funktioniert. Aber es wird immer schwieriger, sie wirklich wirksam zu machen, weil sich ihre Umgebung radikal verschoben hat.

STANDARD: Die neuen Medientechnologien . . .

Forsythe: : Ja, absolut. Das Theater hat sich nicht über Nacht entwickelt, das Fernsehen im Vergleich dazu sehr wohl.

STANDARD: Wie passt der Text von Victor Hugo zu dem choreografischen Konzept von "White Bouncy Castle"?

Forsythe: : Durch den Rückbau jener Umgebungen, die den dem Theater inhärenten Dualismus enthalten. Wenn wir die explizit ideologische Präsentationsform des Theaters zurücklassen, was haben wir dann? Nur die Straße? Doch nicht wirklich. Meine Partnerin Dana Caspersen und ich wollten in keiner Form Theater machen. Wir haben versucht, einen Raum zu finden, in dem das Publikum die Länge der Performance, den Grad der Performativität etc. bestimmt, sodass es keine Grenzen mehr zwischen Performern und Publikum gibt. Wir kamen zu dieser Lösung und sahen, wie der ganze Raum sich selbst organisiert. Es macht keinen Sinn, allein hineinzugehen, sondern es geht darum, mit 50 anderen Leuten da zu sein und sich nicht gegenseitig umzubringen . . . Die Besucher finden in dieser Situation zu einer sozialen Organisation. Sie werden ballistisch, gewichtslos und haben sich nicht wirklich unter Kontrolle. Und das erzeugt gewisse Euphorien, eine körperliche, eine soziale und eine psychische.

STANDARD: Die Performer verschmelzen mit dem Publikum.

Forsythe: : Es gibt ein wunderbares Konzept in der Quantenphysik, die Superposition. (Quantensuperposition: die Überlagerung von zwei oder mehreren Zuständen eines Objekts, Anm.). Man kann den Tänzer nicht vom Tanz trennen. Das Castle schafft grundsätzlich eine Superposition. Dieses Modell aus der Physik ist, glaube ich, ein sehr nützliches soziales Modell für Choreografen.

STANDARD: Darauf könnte man Rudolf von Labans Satz von 1920 beziehen: "Jeder Mensch ist ein Tänzer." Oder an Beuys' Ausspruch denken: "Jeder ist ein Künstler."

Forsythe: : Das glaube ich auch. Daniel Libeskind sagte, als ich in Groningen ein Projekt mit ihm gemacht habe: Architektur braucht keine Architekten. Ebenso gut kann man sagen: Choreografie braucht keine Tänzer. Choreografie und Tanzen sind zwei total verschiedene Disziplinen. Traditionell wird Choreografie hauptsächlich mit Tanz assoziiert, jetzt wird sie unabhängiger. So muss sie nun zwar nicht unbedingt mit der professionellen Ausführung einer Idee zusammenhängen, aber die Idee selbst muss stark genug sein, um Körper in organisierte oder kategoriale Bewegung zu bringen.

STANDARD: Das erinnert an DJs, die Leuten eine Struktur geben, in der sie tanzen können. Was in "White Bouncy Castle" passiert, ist dem ähnlich.

Forsythe: : Genau, es werden Bedingungen aufgebaut, die die Kategorie für den Körper in dieser Situation bilden. Der DJ bestimmt den Stimulus, also reagiert man in diesem Fall auf die Musik. Im Castle erlebt man einen direkten physischen Stimulus, und man reagiert darauf.

STANDARD: Was sagen Sie dann zu jenen Leuten, die fragen, was das "White Bouncy Castle" überhaupt noch mit Tanz zu tun hat?

Forsythe: : Choreografie ist in der Tradition von Tanz eingebettet, sie ist eine untergeordnete Praxis. Man braucht keine Choreografen, um zu tanzen, oder soll ich sagen, jeder choreografiert sich selbst, wenn er tanzt? Im Fall eines individuellen Tänzers kommt es zu einer Superposition der beiden. Wenn man die Praxis von Choreografie vom Körper distanziert, dann erhält man einen gnostischen Moment. Insofern bringt sich diese Idee der Distanz von selbst ein. Der Raum zwischen Individuen, der choreografisches Potenzial enthält, ist ein extrem diskursiver Raum. In White Bouncy Castle habe ich diesen Raum zusammenbrechen lassen, die eigentliche Choreografie wird von den Nutzern ausgeführt.

STANDARD: Was bringt die Zukunft? Ist das nach der Einstellung Ihres Frankfurter Ensembles ein sensibles Thema?

Forsythe: : Ja. Wir befinden uns in Verhandlungen. Wenn man erwartet, dass ich nur Theater produzieren soll, dann, glaube ich, sollte ich das nicht machen. Ich denke nicht mehr an eine Bühne. Sie ist ein obsoletes mentales Modell. Das ist vielleicht das Gute an der ganzen Frankfurter Situation: entschieden zu haben, aus den bisherigen Orten auszuziehen. Es ist eine gewaltige Herausforderung, sozusagen eine architektonische Waise zu sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.9.2003)

Zur Person

William Forsythe, geboren 1949 in New York City, seit 1984 Leiter des Ballett Frankfurt, ist der zurzeit bei weitem innovativste und radikalste Ballettchoreograf. Er hat dem formal hermetischen Ballett ein zeitgenössisches Instrumentarium verliehen.

In die internationalen Schlagzeilen kam Forsythe im Vorjahr, als die Stadt Frankfurt sein bis dato hoch dotiertes Ballett mit einem so engen Sparplan knebelte, dass es de facto nicht weiterexistieren kann.

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    So wie jetzt in Wien verwandelte William Forsythe 1999 das Bockenheimer Depot in Frankfurt zur Hüfburg. Noch früher - im Frühjahr 1997 - hatte er das kollektive Hüpfen zusammen mit Dana Caspersen für das viktorianische Round House in London realisiert.

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    William Forsythe im Gespräch: "Choreografie braucht keine Tänzer. Choreografie und Tanzen sind zwei total verschiedene Disziplinen."

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