Der Hammer im Kopf

24. September 2003, 19:27
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Auf mehr als ein Prozent der Menschen drischt er täglich ein - unkontrollierte Einnahme von Schmerzmitteln oft Kopfschmerz-Ursache

Rom - Tägliches Leid: Etwas mehr als ein Prozent der Menschen haben täglich Kopfschmerzen. Legt man die internationalen Zahlen auf Österreich um, sind das mehr als 100.000 Betroffene. Die häufigste Ursache für chronischen Kopfschmerz ist die ständige unkontrollierte Einnahme von Schmerzmitteln, besonders von Mischpräparaten. Dies erklärten Fachleute beim Internationalen Kopfschmerzkongress in Rom (bis 16. September).

"Epidemiologie des chronischen täglichen Kopfschmerzes mit Analgetika-Missbrauch", lautet der Titel der wissenschaftlichen Arbeit, mit der in Rom Dr. Rafael Cola von der neurologischen Universitätsklinik in Cantabria die Größe des Problems eindeutig belegen konnte. Der Experte: "Wir interviewten 4.855 Personen im Alter über 14. Häufiger als zehn Tage im Monat Kopfschmerz und entsprechenden Analgetika-Konsum hatten 332 Personen. 47 erfüllten die Kriterien für tägliche und bereits durch Schmerzmittel hervorgerufene Symptome."

Frauen besonders betroffen

Frauen sind besonders betroffen: 2,6 Prozent der Probandinnen wiesen Analgetika-Kopfschmerz auf, hingegen nur 0,19 Prozent der Männer. Das Durchschnittsalter der Betroffenen lag bei 56 Jahren. Im Schnitt hatten sie bereits seit 35 Jahren Symptome. Seit elf Jahren schluckten sie täglich Schmerzmittel. Am häufigsten war Migräne am Beginn dieser Entwicklung gestanden.

Die spanischen Wissenschafter: "Täglich auftretender chronischer Kopfschmerz mit Analgetika-Missbrauch ist eine häufige Erkrankung. Sie betrifft rund 1,5 Prozent der Bevölkerung. Am häufigsten ist sie in der Altersgruppe der 50-Jährigen. Hier leiden fünf Prozent der Frauen daran."

Langzeitschäden möglich

Umgelegt auf Österreich wären das rund 120.000 Menschen, die solche Probleme haben. Analgetika-Kopfschmerz ist ausgesprochen quälend. Beim Absetzen der Mittel kommt es erst recht zu schweren Symptomen. Schmerzmittel-Missbrauch schädigt aber langfristig viele Organe, besonders die Nieren und die Leber.

Am häufigsten - so der bekannte deutsche Kopfschmerz-Spezialist Dr. Hartmut Göbel - sind Analgetika-Mischpräparate die Auslöser von chronischen Beschwerden. Er und sein Team an der Kieler Schmerzklinik analysierten die Daten von 160 Migräne-Patienten, welche zu einer Analgetika-Entzugskur kamen.

Üble Mischung

Die Ergebnisse: Nur je ein Patient benutzte Ibuprofen bzw. Paracetamol zu häufig. 110 der Betroffenen hingegen hatten lange Zeit hinweg Mischpräparate eingenommen. Das waren 110 Personen. 37 mussten sich einem Entzug von den modernen Migränemitteln (Triptane) unterziehen, elf einem von Opiaten.

Speziell die Kombination von schmerzstillenden Substanzen mit Koffein wird von Fachleuten kritisiert. Das Hauptproblem aber ist die vom Arzt unkontrollierte Einnahme über lange Zeit hinweg, welche die Betroffenen in den Analgetika-Kopfschmerz abgleiten lassen kann. Göbel: "Der Über-Gebrauch von Kombinations-Schmerzmitteln ist bei weitem die häufigste Ursache für durch Medikamente hervorgerufenen Kopfschmerz. Monopräparate tun das nur in außergewöhnlich seltenen Fällen. Das Entzugs-Kopfweh ist auch am stärksten beim Absetzen von Mischpräparaten und von Opiaten."

Studie illustriert

Wie stark Analgetika-Missbrauch die Voraussetzung für chronische Schmerzzustände ist, belegte beim Internationalen Kopfschmerzkongress in Rom die norwegische "HUNT-Studie. 1984 bis 1986 hatten in einer riesigen Umfrage 32.067 Erwachsene in Norwegen von Schmerzmittelgebrauch berichtet. 1995 bis 1997 wurden diese Menschen noch einmal interviewt.

Autor Dr. John-Anker Zwart: "Menschen, die bei der ersten Befragung von täglichem oder zumindest einmal wöchentlichem Schmerzmittel-Gebrauch berichtet hatten, wiesen elf Jahre später eine signifikant größere Häufigkeit von Analgetika-Kopfschmerz auf." Besonders Migräne-Patienten wären hier gefährdet.

Triptane können ebenfalls problematisch sein

Mischpräparate samt Koffein und vor allem Ergotamin-Medikamente (Mutterkornalkaloide) wurden bei zu häufiger und unkontrollierter Verwendung mit Arzneimittel-Kopfschmerz in Verbindung gebracht. Doch auch die neuesten und spezifisch wirkenden Migränemittel - die Triptane - können bei unsachgemäßem Gebrauch zu solchen Problemen führen.

So zeigten Dr. Hartmut Göbel und sein Team von der Kieler Schmerzklinik, dass am zweiten Tag nach dem Entzug von solchen Triptanen - genau so wie bei Patienten mit Missbrauch anderer Mittel - deutlich verstärkte Symptome aufwiesen. Dr. Miguel J. A. Lainez von der neurologischen Universitätsklinik in Santander in Spanien: "In jüngster Zeit wurden die Triptane mit chronischen Kopfschmerzen in Verbindung gebracht."

Die spanischen Fachleute identifizierten unter ihren Patienten immerhin 21 Personen über 65, die täglich zu einem solchen Medikament griffen. Der Missbrauch hatte durchschnittlich 6,7 Monate gedauert. Acht der Betroffenen hatten übrigens Risikofaktoren für Herz-Erkrankungen, was eine Benutzung dieser Arzneimittel bei ihnen nicht sehr ratsam erscheinen ließ. Triptane haben eine Blutgefäß-verengende Wirkung, was bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht wirklich "erwünscht" ist.

Die Kostenseite

Wie sehr die Massenerkrankung Kopfschmerz auf die Gesundheitsbudgets drückt, belegte schließlich der Dr. Robert Shapiro von der neurologischen Abteilung der Universität Vermont (Kanada):

- Erwachsene gesunde Nicht-Migräniker kosten dem Gesundheitswesen pro Jahr 2.904 US-Dollar. Migräne-Patienten verursachen hingegen jährliche Kosten von 7.062 US-Dollar (Kinder ohne Migräne: 1.349 bzw. mit Migräne: 3.898 US-Dollar).

- Kommen zur Migräne bei Kindern oder Erwachsenen noch Angstzustände hinzu, steigen die jährlichen Gesundheitskosten auf durchschnittlich 10.826 US-Dollar, bei zusätzlichen Depressionen gar auf 11.387 US-Dollar.

Die Daten zum Kopfschmerz aus Österreich: 49,4 Prozent der Menschen über 15 leiden zumindest einige Male im Jahr an Beschweden. Das "kostet" insgesamt rund 6,8 Millionen Arbeitstage. 10,8 Prozent der Österreicher haben Migräne (13,8 Prozent der Frauen und 6,1 Prozent der Männer). Nur 16,8 Prozent der Migräne-Patienten gehen zum Arzt. (APA)

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