"Die Party ist noch nicht vorbei"

28. September 2003, 20:04
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Ostbörsen: In Moskau, Budapest, Warschau und Prag gingen die Indices nach oben - Das war noch nicht alles, meinen Ostexperten

Ist jetzt die Zeit zum Abschiednehmen schon gekommen - oder sind noch höhere Gewinne zu erwarten? "Die Party ist noch nicht zu Ende", meint Kerrie McEwen von JP Morgan Europe. "Die Märkte haben natürlich vom gesteigerten Interesse der Investoren an der Region profitiert, was sich an den höheren Bewertungen zeigt. Dieser Trend wurde ausgelöst durch das starke Wachstum in Russland, das einerseits vom hohen Ölpreis getrieben wurde und andererseits vom ,Nachholeffekt' in Polen: Dort zeigen die Export-, Einzelhandels- und Industriedaten, dass es nach Jahren mit matten Zahlen wieder nach oben geht."

McEwen sieht trotzdem weiterhin gute Chancen an den Ostbörsen: "Der Konsum wächst weiter stark in Osteuropa. Am interessantesten sind sicher die Börsen in Polen und Russland; Ungarn ist am wenigsten attraktiv, weil dort das Budgetdefizit inzwischen wieder zu hoch ist und auch das Handelsbilanzdefizit gestiegen ist."

"Die osteuropäischen Märkte profitieren selbstverständlich auch kräftig von der allgemeinen Erholung der Aktienbörsen in aller Welt", erläutert Alain Bourrier von Merrill Lynch. "Ein starker Motor ist zusätzlich das gute Wirtschaftswachstum dieser Region, das rund doppelt so hoch wie in Westeuropa ist. Und natürlich wirkt auch der kommende EU-Beitritt noch immer wie ein Katalysator, der viele wirtschaftliche Aufholprozesse beschleunigt. Das war auch so vor dem Beitritt von Griechenland, Spanien und Portugal."

Bewertungskluft

Kurzfristig würden sich die Ostbörsen parallel zu jenen im Westen entwickeln: "Aber mittelfristig haben sie ein deutlich höheres Potenzial: Dieser Prozess wird so lange laufen, bis die Bewertungskluft zwischen Ost und West geschlossen ist", sagt Bourrier.

Als Zeithorizont sieht er dafür drei bis vier Jahre nach dem EU-Beitritt: Bis dahin werde das Wirtschaftswachstum im Osten deutlich höher ausfallen als in Westeuropa. Auch Dave Dudding, Osteuropa-Fondsmanager bei Threadneedle, führt den Run auf die Ostbörsen auf die verbesserten Zahlen der Märkte in Westeuropa und den USA zurück: "Die West-Rallye hat das Pulver im Osten, gemixt aus starkem Wachstum, hohem Ölpreis und hervorragenden Aussichten, wieder entzündet." Der Höhenflug ist noch nicht zu Ende, meint auch Dudding: "Bis diese Länder in der EU sind und später auch den Euro übernommen haben, ist noch viel aufzuholen - und dieser Aufholprozess bedeutet Wirtschaftswachstum."

Es sei, so Dudding, leicht vorstellbar, dass auch der Markt für Haus- und Wohnungskredite in den nächsten zehn Jahren zweistellig wachsen werde, "darum, weil man diese Produkte zum Großteil im Osten nicht kannte. Davon werden die Banken, aber auch der Bausektor profitieren. Ein weiterer positiver Effekt für Anleger an den osteuropäischen Börsen ist, dass durch den EU-Background auch das Währungsrisiko von Krone, Forint und Zloty weiter sinken wird."

In Russland sei die Situation nicht so einfach geschnitzt, meint der Threadneedle-Experte: "Dort hängt viel von den Rohstoffpreisen ab - potenziell ist das Land ein riesiger Markt mit enormem Potenzial. Für den Investor ist die Sache aber trotzdem nicht so einfach, weil es nur wenige große Firmen zur Auswahl gibt. Manche wählen daher den Ausweg über westeuropäische Konzerne, die stark in Russland aktiv sind, und versuchen so, vom russischen Aufschwung zu profitieren."

Checkliste für Ostaktien

Wer sich im Osten via Einzelaktien und nicht via Fonds (das Angebot ist auch bei heimischen Gesellschaften sehr groß) einkauft, sollte auf die üblichen Vorsichtsmaßnahmen nicht vergessen:

  • Nur Geld anlegen, das man für die nächsten fünf Jahre aller Voraussicht nach nicht benötigen wird.
  • Niemals "Bestens"-Orders geben, das kann teuer werden, sowohl beim Kaufen als auch beim Verkaufen. Eine "Stop Loss"-Order beschränkt mögliche Verluste - man kann sie auch immer aktualisieren und an die bereits erzielten Gewinne anpassen: Letztere werden so gesichert. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 15.9.2003)
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    montage: derstandard.at
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