Mega-Deal: AOL und Time Warner gründen weltgrößten Medienkonzern

10. Jänner 2000, 18:49

Börsenwert nach Fusion 350 Milliarden Dollar - Kurszuwächse bei Medienaktien - Bertelsmann-Kooperation mit AOL soll weitergehen

New York - Der Internet-Anbieter America Online und der US-Konzern Time Warner wollen sich nach eigenen Angaben zum größten Medienunternehmen der Welt zusammenschließen. Dabei werde AOL in der teuersten Übernahme der Industriegeschichte die Time Warner per Aktientausch im Volumen von 190 Milliarden Dollar kaufen, teilten die Unternehmen am Montag mit. Durch die Zusammenlegung werde es möglich, eine völlig neue Form der Information, Kommunikation und Unterhaltung auch über das Internet anzubieten.

An den Börsen lösten die Pläne weitere Fusionsfantasie aus und ließen die Aktienkurse von Medienunternehmen teils kräftig steigen. Der deutsche Medienkonzern Bertelsmann erwartet nach einer Fusion AOL/Time Warner keine Änderung bei seiner Kooperation mit AOL.

An dem neuen Unternehmen sollen die Aktionäre der America Online (AOL) 55 Prozent und die der Time Warner Inc die übrigen 45 Prozent halten. Damit entspricht das Verhältnis nicht dem Anteil, der sich rein nach der Marktkapitalisierung, also der Anzahl der ausgegebenen Aktien multipliziert mit dem Börsenkurs, ergeben würde. Hier war AOL am Freitag an der Börse mit 164 Mrd. Dollar und Time Warner mit 83 Mrd. Dollar bewertet worden. AOL und Time Warner erklärten, insgesamt liege die Bewertung der Aktien bei einer Fusion bei 350 Mrd. Dollar (342 Mrd. Euro/4.708 Mrd. S). Damit entstehe eines der größten Unternehmen der Welt.

"Dies ist ein historischer Moment für den Bereich Neue Medien"

"Dies ist ein historischer Moment für den Bereich Neue Medien", sagte AOL-Chef Steve Case, der auch das fusionierte Unternehmen mit dem Namen AOL Time Warner Inc führen soll.

In Branchenkreisen hieß es, durch die angekündigte Fusion werde die Entwicklung im Bereich Neue Medien, also etwa Internet-Diensten am Fernseh-Bildschirm oder einen deutlichen Ausweitung von Dienstleistungs-Angeboten im Internet, möglicherweise deutlich vorangetrieben.

AOL ist nach eigenen Angaben mit rund 20 Millionen Mitgliedern beim gleichnamigen Internet Dienst und mit 2,2 Millionen Mitgliedern bei dem Online-Dienst Compuserve der weltgrößte Anbieter solcher Dienste. Eine Tochter der AOL ist auch der Browser-Anbieter Netscape, der mit dem weltgrößten Software-Hersteller Microsoft konkurriert. AOL erwartet für 1999 einen Umsatz von 4,78 Mrd. Dollar und einen Vorsteuergewinn von knapp 1,1 Mrd. Dollar. Der Konzern beschäftigt 12.100 Mitarbeiter.

Time Warner, unter anderem Betreiber des Fernsehsenders CNN, des Filmproduzenten Warner Bros und des Musikkonzerns Warner Music, sieht sich als weltweiter Branchenführer unter den Medienkonzernen. Timer Warner setzte 1998 mit 70.000 Mitarbeitern 14,6 Mrd. Dollar um und wies dabei einen Vorsteuergewinn von 586 Mill. Dollar aus.

Kurszuwächse

An den Börsenplätzen weltweit sorgte die Fusionsankündigung durch angefachte Spekulationen über weitere Zusammenschlüsse in der Branche zum Teil für deutliche Kurszuwächse bei Aktien aus der Medienbranche. So stiegen die britischen Pearson und Granada sowie die niederländische Wolters Kluwer jeweils mehr als elf Prozent. Noch wesentlich stärker stiegen die Kurse der beiden Fusionspartner selbst. Die Aktien der Time Warner notierten vorbörslich zeitweise mit 110 Dollar um fast 70 Prozent über ihrem Schlusskurs vom Freitag. Zu Beginn des New Yorker Handels lagen sie noch mit 97-1/4 Dollar 32-1/2 Dollar im Plus. AOL stiegen zeitweise vorbörslich um 16 Prozent auf 85 Dollar, bröckelten im Verlauf des Anfangshandel in New York aber auf 78-1/2 (plus 5-1/4) Dollar ab.

Der deutsche Medienkonzern Bertelsmann geht davon aus, dass die Gemeinschaftsunternehmen von Bertelsmann und AOL auch nach der geplanten Fusion zwischen AOL und Time Warner fortgesetzt werden. "Die Zusammenarbeit zwischen Bertelsmann und AOL in den 50/50-Joint-Ventures bleibt unverändert", sagte ein Sprecher. Auch ein Verkauf der 0,7 Prozent, die Bertelsmann an AOL hält, sei kein Thema. Dies werde weiter als strategische Beteiligung angesehen, so der Sprecher. Bertelsmann betreibt mit AOL unter anderem die AOL Europe, zu dem auch AOL Deutschland mit mehr als einer Million Kunden gehört.(APA/Reuters)

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