Bibeldrama in Schüttbildern

14. Oktober 2003, 10:22
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"Hérodiade"-Wiederaufnahme mit Agnes Baltsa an der Staatsoper

Wien - Nach bildersprachlichem Luxus, nach Üppigkeit, Prunk, Rausch und Dekadenz sehnt sich der Opernfreund, der Jules Massenets süffiges, den Sinnen schmeichelndes Bibeldrama Hérodiade kongenial wiedergegeben sehen möchte: güldene Kandelaber, seidenbezogene Liegestätten, kombattierende Duftgeschwader: Moschus, Weihrauch!

Leider wurde vor einem knappen Jahrzehnt nicht das französische Künstlerpaar Pierre et Gilles eingeladen, Massenets leidenschaftspralles Werk zu verbildlichen, sondern Hermann Nitsch et Richard Bletschacher, sodass der Staatsoperngast seitdem in eine grell ausgeleuchtete Komposition bühnenhimmelhoher Schüttbilder zu schauen hat: ein szenischer Unort, der darstellerisches Wirken enorm erschwert. Barbara Havemann versucht es trotzdem.

Sie kämpft, fleht, bittet, leidet, tut alles, um als engelsreine Salomé (bei Massenet ist die Prinzessin eine Nette) ihrem angebeteten Jean nah zu sein. Aber nicht nur auf darstellerischem Gebiet sollte sich das überraschende Staatsoperndebüt der jungen Niederländerin als eindrücklich und beglückend erweisen: Ihr warm glänzender Sopran bewies Strahlkraft und Verve in den dramatischen Passagen und wusste die lyrischen Abschnitte mit Subtilität zu durchwandern.

José Cura interpretierte die Figur des Täufer-Propheten - wie kaum anders zu erwarten - äußerst heldisch und mit stimmlichem Dauerdruck, kraft-, stolz- und dezibelstrotzend. Je ne regrette rien hatte der Hispano-Feschak gegen Ende der Oper zu singen, was natürlich an Edith Piaf denken ließ, deren gesangstechnischem Permanentpressing wiederum Agnes Baltsa huldigte. Die Immer-noch-Carmen verströmte als böse, böse Titelheldin (und mit vorstadttussihafter Coiffure) nur wenig royale Aura, immerhin korrespondierten darstellerisches und stimmliches Verhalten in Sachen Zickigkeit auf das Vortrefflichste.

Philippe Rouillon als Hérode verstand die charakterliche Schwäche des Nahost-Tetrarchen gut mitzuteilen, Ferruccio Furlanetto war ein nobel-souveräner Phanuel. Jun Märkl interpretierte Massenets Musik oft mitreißend, selten betörend, mitunter knapp an der Grenze zum Orgien-Hysterien-Theater. (end/DER STANDARD, Printausgabe, 15.9.2003)

  • Wiederaufnahme der Hérodiade an der Wiener Staatsoper mit Barbara Haveman als Salomé und José Cura in der Rolle des Jean.
    foto: wiener staatsoper gmbh / axel ze

    Wiederaufnahme der Hérodiade an der Wiener Staatsoper mit Barbara Haveman als Salomé und José Cura in der Rolle des Jean.

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