Die Schlechten ins Kröpfchen, ...

22. September 2003, 17:20
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...die Guten ins Töpfchen - Die Verlockungen des Markt-Timings sind so alt wie die Börsen selbst - Gastkommentar von Michael Margules

Die Verlockungen des so genannten Markt-Timings - die Idee bzw. das Wunschdenken, das Aktienvermögen zu vermehren, wenn man optimistisch ist und die Aktienanlagen zu reduzieren oder gar ganz abzubauen, wenn man pessimistisch ist – sind so alt wie die Aktienbörsen selbst. Eine amerikanische Untersuchung hat den Sinn oder Unsinn dieser theoretischen Anlagemethodik untersucht und dokumentiert.

Pro und Kontra ...

Die Kritiker der Markt-Timing-Methode halten diese schlicht für töricht. Würde man die zehn besten Monate in einem Jahrzehnt verpassen - so ihre Argumentationsweise, so hätte dies fatale Folgen für die Gesamtrendite. Sie vertreten den Standpunkt, daß niemand - nicht einmal ein Genie - die Richtung des Marktes voraussagen kann. Die Befürworter des Markt-Timings argumentieren indes anders: Nach ihrer Überzeugung ließen sich die Erträge deutlich erhöhen, wenn man den zehn schlechtesten Monaten in einem Jahrzehnt entgehen könnte. Im allgemeinen glauben sie, daß das Prognostizieren der Marktrichtung zwar schwierig, aber dennoch möglich ist.

Einfach indexieren...

Was wäre passiert, hätte man die zehn besten oder die zehn schlechtesten Monate eines vergangenen Jahrzehnts – im diesem Falle im Rahmen der Zeitperiode 30. Juni 1993 bis einschließlich 30. Juni 2003 - einfach ausgelassen?

Ein Anleger, der die im Standard & Poor's 500 Index enthaltenen Werte erworben und sie über die kompletten zehn Jahre gehalten hätte, erwirtschaftete auf Basis dessen eine kumulative Rendite in Höhe von rund 200 Prozent. Bei einem ursprünglichen Kapitaleinsatz in Höhe von beispielsweise 100.000 Euro hätte dies 10 Jahre danach einen Kontostand von circa 300.000 Euro (berechnet inklusive dem anteiligen Währungsgewinn gegenüber dem US-Dollar im Rahmen dieser Zeitperiode) respektive eine jährliche Gesamtrendite in Höhe von etwas mehr als dreizehn Prozent eingebracht.

...versus hui und pfui

Man stelle sich nun den berühmten Riecher vor, der es ermöglicht, den Aktienmarkt während seiner zehn schlechtesten Monate zu meiden (siehe Tabelle „Die schrecklichen Zehn“). Dies würde für den besagten Zehn-Jahres-Zeitraum einer währungsbereinigte Rendite in Höhe von 350 Prozent ergeben, was wiederum einer jährlichen Gesamtrendite in Höhe von rund 17,5 Prozent entspricht. Aus ursprünglich 100.000 Euro wären demnach satte 450.000 Euro geworden. Betrachtet man nun die Kehrseite der Medaille, also die Situation, wenn ein mit wenig glücklichem Händchen versehener Anleger die besten zehn Monate eines Anlagejahrzehnts verpaßt (siehe Tabelle „Die wundervollen Zehn“)? Wären diese zehn performancestärksten Monate aus irgendeinem Grund am Investor vorbeigegangen, so hätte sich die Rendite für den besagten Zehn-Jahres-Zeitraum auf einen Verlust in Höhe von circa 15 Prozent reduziert. Aus einem ursprünglicher Kapitaleinsatz in Höhe von 100.000 Euro wäre demnach auf etwa 85.000 Euro zusammengeschrumpft.

Was wäre Ihnen lieber: 85.000, 300.000 oder 450.000 Euro? Die Beantwortung dieser Ö3-Wecker-gerechten Frage führt direkt zu der Erkenntnis, daß wie im echten Leben auch an den Börsen kein Markt-Timing-System existiert, das solche Ergebnisse - wie die oben gezeigten theoretischen - in irgendeiner Weise nachahmen könnte. Dies befreit keinen Börsianer von der Notwendigkeit einer persönlichen Anlagephilosophie, die durchaus mit einer Form von Markt-Timing gleichgesetzt werden kann, nämlich eine gezielte Asset Allocation.

Das zu veranlagende Kapital auf verschiedene Anlageklassen zu verteilen, wie zum Beispiel 50-60 Prozent in Aktien, 20-30 Prozent in festverzinsliche Wertpapiere, 10 Prozent in Alternative Investments wie etwa Immobilien oder Hedge Funds sowie zehn Prozent in liquide Mittel, kann im Sinne einer nachhaltigen Investmentstrategie nie von Schaden sein. Auf diese Weise werden bei niedrigem Kursniveau unabhängig von der Wertpaierkategorie einerseits mehr Geld in Aktien investiert und andererseits Gewinne realisiert, wenn die (Aktien)Kurse steigen. Es ist kein (idioten)sicheres System, aber immerhin eine Methode, die zu Disziplin zwingt – und letzteres hat sich im Laufe der Börsengeschichte als kostbarste, weil zu selten angewandte Tugend erwiesen!

Nachlese

--> Hausse, Bärenmarktrallye oder Blase?
--> Anlagetipps von und mit George W. Bush
--> Alan Greenspans Heiratsantrag
--> Das 1x1 der Aktienbewertung
--> Wer hat Angst vor Fannie und Freddie?
--> Spieglein, Spieglein, an der Wand ...
--> High Noon zwischen Anleihen und Aktien
--> Bitte am Shareholder Value festhalten
--> Politischer Einfluss stützt Aktienrally
--> Widersprechen sich Aktien- und Bondmärkte?
--> Börsianer warten auf das Unwetter
--> Indexieren passé, Investieren olé
--> Der Dollar fällt und fällt und fällt ...
--> Vorsicht, Crash-Gefahr
--> Wieviel Seiten hat die Medaille?
--> Wo geht's hier zum Wachstum?
--> "Sell in May and go away ..."
--> Börsen vor der Trendwende
--> Drei Jahre Baisse reichen
--> Einer wird gewinnen
--> Schweigen in der Folterkammer
--> Politik beeinflußt die Börsen wenig
--> Die Baisse kann bis 2018 andauern...
--> 1:0 für Anleihen
--> Arme Rentner
--> Kanonendonner oder Kursfeuerwerk?
--> Gratis-Kredit für den Chef
--> Aktien-Lotto
--> Quo vadis, Greenback?
--> 100 minus Lebensalter = Börsenerfolg
--> „Bob the builder“ und US-Präsident Bush
--> Aktien oder Anleihen: The winner is ...
--> Dow Jones in Richtung 120.000
--> "Baissemarkt bis 2018"
--> Eine schöne Bescherung
--> Von Analys(t)en und Abhängigkeiten
--> Börsen vor "Happy Wende"
--> Wenn der Zauber nicht wirkt
--> Contrariens unter der Lupe
--> Börsencrash revisited
--> Jim Rogers küsst wieder in Wien
--> Bush, Greenspan, Bin Laden ...
--> Zum Verkaufen zu spät, zum Kaufen zu früh
--> Japan ist einen Börsenblick wert
--> Wie sicher sind Versicherungsaktien?
--> Droht ein neuer Ölpreisschock?

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
  • "Die schrecklichen Zehn"
    grafik: derstandard.at

    "Die schrecklichen Zehn"

  • "Die wundervollen Zehn"
    grafik: derstandard.at

    "Die wundervollen Zehn"

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    montage: der standard.at
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