Neonazi Wiese plante Bombenanschläge in München

16. September 2003, 18:20
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Daheim in Mecklenburg-Vorpommern hatten sie ihn "Käpt'n" genannt. Martin Wiese, der so gerne das Kommando beanspruchte, war bekannt als Waffennarr und gehörte dem "Kameradschaftsbund Anklam" an, in einem kleinen Ort im nordöstlichsten Eck Deutschlands. Diese rechte Kaderorganisation organisiert Schulungen und Wehrsport und beteiligt sich an Demonstrationen. So wurde gegen die Wehrmachtsausstellung eine eigene Aktion, "Opa war in Ordnung", aufgezogen. Wiese war fleißig, er hatte nichts anderes gelernt und diente sich nach oben.

Doch den heute 27-Jährigen hielt es nicht im Osten, den groß gewachsenen, kräftigen Wiese zog es vor drei Jahren nach München, in die "Weltstadt mit Herz". Auch dort zeigte Wiese sofort, wes Geistes Kind er ist; er fehlte praktisch auf keiner Neonazi-Demonstration.

Da Wiese, der sich als Hausmeister durchbrachte, nicht mit der Geißel eines überragenden Intellekts geschlagen war, galt er nicht als ideologische Galionsfigur der Seinen. Sein Wissen über die Nazizeit war eher behelfsmäßig, doch der kurz geschorene Rothaarige machte dieses Manko durch Einsatz wieder wett, wobei der Einsatz oft im buchstäblichen Sinn ein körperlicher war. Wiese glich seine Defizite durch hohe Gewaltbereitschaft aus.

Wiese steht heute der Anfang 2002 initiierten "Kameradschaft Süd - Aktionsbüro Süddeutschland" vor. Er "reklamiert die Rolle eines Führers der rechten Szene in München für sich", sagt Jens Viering, Vizepräsident des Münchner Polizeipräsidiums. Der Gruppe sollen 30 Personen angehören, fast alle Ossis.

Allerdings versuchten diese Kleingruppen laut Verfassungsschutz bisher nicht, ihre politischen Ziele offen mit Gewalt durchzusetzen. Überhaupt gebe es "keine rechtsterroristischen Gruppen und keine Bestrebungen zum Aufbau eines zielgerichteten bewaffneten Kampfes", heißt es im Verfassungsschutzbericht 2002. Gleichwohl bestehe die Gefahr, "dass Einzelpersonen oder Kleinstgruppen auch schwere Anschläge mit der Absicht begehen, eine politische Fanalwirkung zu erzielen". Eine solche Kleingruppe ist offenbar die "Kameradschaft Süd".

Denn Mitte letzter Woche fand die Polizei in der Wohnung von Wiese in der Landsberger Straße 1,7 Kilo TNT. Auch seine Freundin Ramona wurde festgenommen. Inzwischen ist klar, was sie vorhatten: einen Anschlag am 9. November. Am Jahrestag der Pogromnacht sollten die Granden der Republik auf der Baustelle neben dem Münchner Stadtmuseum sprechen, wo das neue Jüdische Zentrum entstehen soll. Und Wiese, der wegen seiner Plumpheit von linken Gegnern "Watschenbaum" genannt wurde, hätte sich wie ein kleiner Herostrat fühlen können.

(Gerhard Plott/DER STANDARD, Printausgabe, 15.9.2003)

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