Glitzernde Exzentrik versus einsames Ich

15. September 2003, 00:49
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Das "Phänomen Diva" fasziniert seit zwei Jahrhunderten

Ich denke, ich hatte eine der schönsten lyrischen Sopranstimmen, die ich je gehört habe. Ich bin verrückt nach meiner Stimme. Sie war wunderbar. Ich liebte sie so sehr, dass ich von Zeit zu Zeit eines meiner besten Kristallgläser hervorholte, mir ein wenig Champagner einschenkte und ihr zuprostete.
(Leontyne Price)

La Divina, la Madonna, la Superba - Diven sind ein Phänomen unseres Jahrhunderts, ein Phänomen der Bewunderung. Klischees ranken sich um sie, jede Menge Vorurteile, viel Abneigung und Neid - und immer ein Hauch von Unsterblichkeit. Sie tauchen in allen Bereichen der Kunst auf, als Sterne in der Filmwelt wie als Primadonnen in den Gesangstempeln. Die „klassische Diva“ gilt als launisch, unnahbar, arrogant und selbstverliebt, mit ausgeprägtem Hang zur Selbstdarstellung, umgeben von Glanz und Glitter mit Hang zum Luxus und zur Exzentrik. Aber auch als ehrgeizig, arbeitssam, erfolgshungrig – und nicht selten als einsam.

La Divina - die Göttliche

Die Diva hat etwas Göttliches, eine besondere Ausstrahlung und ein Charisma, das Massen über die Maßen fasziniert. Privatleben und Öffentlichkeit werden für sie eins, davon lebt ihr Starkult – ein „Unfall in der industriellen Maschinerie des Starsystems“, wie „Divenforscherin“ Elisabeth Bronfen es ausdrückt. Die Verschmelzung von Glamour und Privatem macht sie interessant, aber auch verletzlich. Und diese Verletzlichkeit macht sie später unsterblich, wie die vielen Beispiele einer Maria Callas, einer Marilyn Monroe, einer Romy Schneider zeigen: Je tragischer die Momente im Leben einer Diva, desto länger lebt sie über ihren Tod hinaus. Und: Das Publikum bleibt „seiner“ Diva treu, verzeiht ihr gerne Fehler – die Anziehungskraft der Person überflügelt nicht selten die Leistung der Schauspielerin, der Sängerin, des Models.

Ihren überirdischen Status erreichten die Diven mit dem Entstehen der Massenmedien. Erst die Fotografie im 19. Jahrhundert ermöglichte ihre „Verbreitung“. Durch Film, Radio und Fernsehen konnte auch die breite Masse das Leben und Wirken der „Großen“ mit(er)leben.

Primadonnen als erste Diven

Den ersten, und bis heute höchsten, Divenstatus erreichten die Primadonnen, die „ersten Sängerinnen“ in der Oper. Sie hatten den Frauen als erste, vor mehr als 200 Jahren, einen Platz in den vorderen Starreihen erkämpft. Das päpstliche Gebot „mulier taceat in ecclesia“ – „Das Weib schweige in der Kirche“ - galt davor auch für die Bühne, öffentlich hatten Frauen nichts zu reden, geschweige denn zu singen. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde den Frauen erlaubt, auf der Bühne mitzuwirken. Schöpferisches Genie musste männlich bleiben. (In der katholischen Kirche war es Frauen sogar noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts verboten, im Altarraum zu singen - erst Papst Pius XXIII. lockerte dieses Verbot durch das Zweite Vatikanische Konzil).

Weit bis ins 18. Jahrhundert beherrschten Kastraten konkurrenzlos die Bühne, nur in Frankreich bevorzugte man Sopranistinnen. Schließlich begannen sich die Frauenstimmen von Italien her durchzusetzen, mit ihnen kamen die Primadonnen an die Höfe und traten von dort an ihren Siegeszug auf alle Bühnen an. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren sie schließlich in sämtlichen europäischen Opernhäusern vertreten.

Unmoralisch, weil unabhängig

Lange, bis ins 20. Jahrhundert hinein, galten Primadonnen in bürgerlichen Kreisen noch als unmoralisch, verkörperten sie doch - wie alle Diven - eine Art von Frausein, die der bürgerlichen Frau damals verwehrt blieb: selbstbestimmt und eigenständig, auch mal kapriziös, zielstrebig und an der eigenen Karriere interessiert – und nicht ausschließlich an Mann, Heim und Familie. Sie standen als Frauen im Rampenlicht und konnten ihr Frausein offen leben, sich verwirklichen und waren obendrein auch noch beruflich oft erfolgreicher als männliche Kollegen - ein Ausnahmezustand, eben "typisch Diva".

Klassisch versus postmodern

Ende des 20. Jahrhunderts begann sich der Status der Diva zu verändern – den „klassischen“ Diven folgen die „postmodernen“. Nicht mehr ein Leben für das Publikum, sondern die Verwirklichung des eigenen künstlerischen Ichs inmitten einer bunten, schillernden Showwelt bestimmen deren Bild - das Publikum kann hier ruhig auch mal dagegen sein.

Viele behaupten heute auch, die wahre Diva und Primadonna gibt es nicht mehr, sie stirbt aus mit den letzten „Grandes Dames“ des jeweiligen Faches, nach einer Liz Taylor, einer Joan Sutherland kämen keine echten Diven mehr.

Diva - nein danke!

Und was ist heute wirklich noch dran am Klischee der Diva? Viele Diven heute sehen das Divensein anders als ihre Kolleginnen zu Beginn des Jahrhunderts: Waren Primadonnen früher mit ganzer Überzeugung Diva und trugen diesen Titel stolz vor sich her, so weisen die meisten heute dieses Attribut weit von sich, wollen keine Primadonnen sein - und wenn, dann nur auf der Bühne, nicht im Leben. Divasein bedeutet für die meisten anstrengend, mühsam, nicht teamfähig, fehl am Platz. Diven scheinen sich heute lebensnaher präsentieren zu wollen, menschlicher, der Starsockel scheint niedriger, die Abgrenzung Privatperson-Künstlerin stärker.

Nicht verlöschender Glanz

Glänzen werden die Diven aber immer, das glitzernde Ich wird immer überstrahlen, denn erst das "Aus-der-Reihe-fallen" macht sie ja gerade – zumindest nach außen - zum begehrten, bewunderten "Phänomen Diva". Und, wie Marilyn Monroe in einem Brief an Ethel und Robert Kennedy über „die wenigen noch lebenden erdgebundenen Stars“ es ausdrückt: „...schließlich haben wir doch nichts anderes gefordert, als zu funkeln.“ (isa)

Ansichtssache
Staunen und Bewunderung -
Große Diven in Wort und Bild

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