Wahrheit und Klischee

15. September 2003, 00:55
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Große Sängerinnen über das Primadonnen-Sein

Primadonna, das ist ein großes Wort. Eines von vielen ähnlichen. Solche Ettiketten werden uns Sängerinnen von irgendwelchen Leuten aus irgendwelchen Interessen aufgeklebt. Ich liebe solche Ettiketten nicht. Ich liebe meinen Namen! Der ist wichtiger!
(Montserrat Caballé)

Das Wort „Opernsängerin“ hatte für mich immer einen unangenehmen Hautgout, ganz zu schweigen vom Wort Primadonna oder Diva.
(Brigitte Fassbaender)

Für mich bedeutet das Wort Primadonna allenfalls, eine ernsthafte, professionelle Gesangskünstlerin zu sein, jeden auf der Bühne und im Theater zu respektieren, vor allem natürlich im Publikum. Eine Primadonna hat keine Witze zu machen und ist keine groteske Figur. Kapriziöse und exaltierte Verhaltensweisen finde ich einfach lächerlich.
(Mirella Freni)

Eine Primadonna ist etwas Künstliches, etwas Anormales. Eine Primadonna zeigt nur ihre schöne Fassade, sie lässt sich hinter der Bühne neue Garderobe anfertigen, weil sie mit der, die man ihr anbietet, nicht zufrieden ist, sie sitzt nicht mit den übrigen Theaterleuten in einer Garderobe oder Kantine, sie ist eine Außenseiterin und sie will bewundert werden wie ein Kalb mit zwei Köpfen.
Sie lebt natürlich davon, dass das Publikum keineswegs nur wegen der Kunst ins Theater geht, sondern auch, um die sogenannte Primadonna zu bewundern. Eine Primadonna muss mit mindestens sieben Skandalen, aber auch mit sieben Erfolgen pro Jahr aufwarten können.
(Christa Ludwig)

Primadonna kann man auf der Bühne sein, wenn man die entsprechende Rolle singen darf, aber doch nicht im Leben! Das wäre mir wirklich zu mühsam. Ich glaube, dass Sängerinnen, die sich privat wie Primadonnen benehmen, vielleicht auf der Bühne zu kurz kamen. Auf jeden Fall aber verwechseln sie das Leben mit dem Theater.
(Birgit Nilsson)

Primadonnen-Allüre ist etwas Künstliches, Aufgesetztes, Falsches. In der Kunst ist meinem Verständnis nach kein Platz für Primadonnentum. Primadonnen spielen nur sich selbst.
(Renata Scotto)

Primadonnenhaftigkeit ist mühsam. Es ist, wie wenn man ewig Theater spielt.
(Sena Jurinac)

Nicht jede Sängerin ist per se eine Primadonna! Das ist ein dummes Vorurteil! ich zum Beispiel habe die "Divenschule" gar nicht absolviert. Ich hatte auch nie den Ehrgeiz dazu. Primadonnentum ist, von außen betrachtet, lächerlich, es ist unzeitgemäß und außerdem den KollegInnen gegenüber eine furchtbare Zumutung. Ich hoffe, das Primadonnentum stirbt aus.
(Jane Henschel)

(aus: Dieter David Scholz, "Mythos Primadonna")

  • Bild nicht mehr verfügbar
    Opernsängerinnen halten nicht mehr viel vom Primadonna-Sein. Im Bild: Edita Gruberova als Lucia di Lammermoor.
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