Kopfschmerz: "Klassiker" so gut wie neue Medikamente

15. September 2003, 13:14
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Internationaler Spezialistenkongress in Rom - Millionen Patienten weltweit

Rom - Bis zu 20 Prozent der Erwachsenen leiden unter Migräne. Noch mehr Menschen haben immer wieder "normalen" Spannungskopfschmerz. Bei Wirksamkeit und Sicherheit sind "klassische" Medikamente wie Aspirin (Acetylsalicylsäure, ASS) genau so gut wie in den vergangenen Jahren oft gepriesene spezifische Migiräne-Mittel. Dies erklärten am Freitag bei einem Bayer-Symposium in Fiuggi bei Rom führende Experten aus Anlass des Kongresses der Internationalen Kopfschmerz-Gesellschaft (IHS) in der italienischen Hauptstadt.

Wie groß die Leiden der Migräniker sind, geht aus den einfachen epidemiologischen Zahlen hervor. Univ.-Prof. Dr. Aksel Siva, Leiter der Kopfschmerzklinik an der Universität Istanbul: "Rund zehn bis 20 Prozent der Erwachsenen in der westlichen Welt leiden an Migräne-Kopfschmerzen. Bei den Frauen liegt die Häufigkeit der Erkrankung während der Lebenszeit doppelt so hoch wie bei Männern."

Die wenigsten der Betroffenen erhalten jemals eine Diagnose durch den Arzt. Siva: "Weniger als die Hälfte der Migränepatienten holen ärztlichen Rat ein. Nur bei 21 Prozent der Migränekranken wird eine zutreffende Diagnose gesellt. Mehr als zwei Drittel der Betroffenen verwenden zur Behandlung ihrer Kopfschmerzen nicht ärztlich verschriebene Präparate."

Wichtig wäre vor allem eine ärztliche Diagnose, um bei Bedarf die jeweils vorliegende Kopfschmerz-Form mit optimalen Gegenstrategien zu bekämpfen. Das gilt auch für die Auswahl der verwendeten Schmerz- oder Migränemittel. Hier gibt es große individuelle Unterschiede, was das Ansprechen des Einzelnen auf das eine oder andere Medikament betrifft. Eine falsche (Selbst-)Behandlung kann mitunter sogar in den Analgetika-Missbrauch mit schweren Folgeschäden führen.

Mehrere internationale Vergleichsstudien

Mehrere internationale Vergleichsstudien zeigen ziemlich genau, dass unterschiedliche Wirksubstanzen einen guten Effekt haben. Entscheidend kann die frühe Anwendung der Mittel - speziell bei der Migräne - sein, um einen Anfall "abzuschneiden".

In einer Vergleichsuntersuchung von Dr. Timothy Steiner (Imperial College/London) zeigte sich, dass 75,7 Prozent der Patienten mit Spannungskopfschmerz nach der Einnahme von 1.000 Milligramm des Aspirin-Wirkstoffs Acetylsalicylsäure (ASS) über deutlich reduzierte Symptome berichteten. 1.000 Milligramm Paracetamol brachten es auf eine Erfolgsrate von 71,2 Prozent. ASS wirkte schon binnen 30 Minuten besser. Bayer hat mit "Aspirin akut" eine ASS-Formulierung auf den Markt gebracht (zwei Brausetabletten zu insgesamt 1.000 Milligramm ASS), die besonders gegen schnell auftretende Migräne-Attacken geeignet sind.

Bei der Migräne muss der Griff zu moderneren und spezifisch gegen diese Kopfschmerzform wirkenden Medikamenten (Triptanen) nicht von vornherein besser als die Einnahme von "Klassikern" wie ASS oder Ibuprofen sein. Das hat eine neue Studie von Dr. Virgilio Gallai von der Abteilung für Neurowissenschaften an der Universität Perugia in Italien ergeben. Dabei wurden die Behandlungsergebnisse bei jeweils etwas mehr als 200 Migräne-Patienten mit den genannten Substanzen bzw. einem Scheinmedikament (Placebo) verglichen.

Der italienische Wissenschafter: "Von allen mit ASS behandelten Patienten (Brausetabletten, 1.000 Milligramm) berichteten 52 Prozent einen Rückgang der Kopfschmerzen von stark oder mittelschwer auf leichte oder keine Symptome. Ähnliche Resultate ergaben sich für Sumatriptan (50 Milligramm) und Ibuprofen (400 Milligramm)." Ibuprofen ist ebenfalls ein klassisches Antirheumatikum. Sumatriptan war vor 15 Jahren das erste spezifisch gegen die Migräne wirkende Medikament. Diese Substanz sowie mittlerweile mehrere ähnliche werden vor allem bei schweren und mit den herkömmlichen Mitteln nicht gut behandelbaren Attacken eingesetzt. Das "leere" Scheinmedikament brachte nur bei 24,7 Prozent der Probanden einen Effekt.

Ähnlich gut ist die Wirkung der Medikamente auf die Begleitsymptome der Migräne: Übelkeit, Licht- und Schallempfindlichkeit. Der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Univ.-Prof. Dr. Hans-Christoph Diener (Universität Essen), und sein Team behandelten 433 Migräne-Patienten entweder mit 1.000 Milligramm ASS, 50 Milligramm Sumatriptan oder einem Scheinmedikament: Nach zwei Stunden waren bei jeweils 44 Prozent der Patienten unter den Medikamenten die Begleitsymptome der Migräne vollständig verschwunden. Das Scheinmedikament schnitt mit 31 Prozent signifikant schlechter ab.

Eine Datenbankanalyse von Univ.-Prof. Dr. James Fries von der Stanford Universität (Kalifornien) bei 10.000 Patienten mit chronischen Gelenksbeschwerden (Arthritis) hat übrigens ergeben, dass herkömmliche frei verkäufliche Schmerzmittel (Aspirin, Paracetamol und Ibuprofen) ähnlich in ihrem Nebenwirkungsspektrum sind.

Die Risiken - insbesondere von Magen-Darm-Problemen (Blutungen) - dürften auch geringer als ehemals angenommen sein. Fries: "Insgesamt betrachtet ist die Sicherheit von Aspirin eindeutig höher als die anderer Schmerzmittel." (APA)

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