Lust auf Pionierarbeit

13. September 2003, 19:47
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Gerhard Holzapfel nutzt Ingenieurwissen für Medizin

Wie kommt ein promovierter Maschinenbauer zur Biomechanik? Über ein Schrödinger-Stipendium in den USA. Denn was Gerhard Holzapfel von der TU Graz zwischen 1993 und '95 am Department of Mechanical Engineering an der Stanford University beobachtete, hat die Karriere des heute habilitierten 42-jährigen Forschers nachhaltig beeinflusst: "Dort habe ich erlebt, was im Bereich der Biomechanik wissenschaftlich und industriell möglich ist - nicht zuletzt durch die enormen Forschungsgelder, die hier hineinfließen." Auch die vielen unbeantworteten Fragen der jungen Fachrichtung haben ihn gereizt.

Der Wechsel von der unbelebten zur belebten Materie war schnell vollzogen: "Die Biomechanik birgt in vielen Bereichen noch Neuland und ist im Zusammenhang mit medizinischen Fragestellungen zukunftsweisend und gesellschaftsrelevant." Außerdem könne man hier auch sehr viel Wissen aus dem Ingenieurwesen anwenden und neue Forschungsrichtungen erschließen. "In vielen klassischen Gebieten des Ingenieurwesens gibt es dieses Potenzial nicht mehr. In der Biomechanik dagegen befinden wir uns noch in der Pionierzeit." Immerhin gebe es noch zahllose ungelöste Probleme in diesem Forschungsgebiet: im Bereich der Mechanik von Zellen oder Arterien etwa.

"Durch Rückmeldung erkrankter Personen erfährt man ständig, wie wichtig diese Forschung ist." Dass in Graz noch kein Lehrstuhl für Biomechanik existiert, stimmt ihn nachdenklich: "Eine Institutionalisierung dieses Faches nach amerikanischem Vorbild wäre Aufwertung und neuer Impuls für die Biomechanik in Österreich."

Wie es sich für einen ambitionierten Jungforscher gehört, verschwimmen auch bei Gerhard Holzapfel die Grenzen zwischen privatem und beruflichem Leben: "Durch meine Arbeit bin ich auf vielen Kongressen im Ausland. Das genieße ich sehr. Für mich hat die Arbeit im Umfeld verschiedener Kulturen einen ungeheuren Erholungswert." Wenig überraschend, dass er auch seine Freundin durch die Arbeit kennen gelernt hat: "Sie ist Frauenärztin, und wir haben damals geburtshilfliche Fragestellungen diskutiert. Immerhin spielen bei einer Geburt mechanische Vorgänge eine zentrale Rolle."

Da auch sie an Forschung interessiert ist und gerade an ihrer Habilitation arbeitet, ist die gemeinsam verbrachte Zeit ein Luxus, der umso bewusster genossen wird. So steht in der Holzapfelschen Wohnung keine Zeitvernichtungsmaschine in Form eines TV-Geräts: "Ich nehme den ganzen Tag so viel an Information auf, dass mich ein Fernseher überfordern würde." An gemeinsamen Wochenenden wird vorzugsweise gewandert - "im Herbst möchten wir von Graz nach Mariazell gehen" - und klassischer Musik gelauscht: "Für ein schönes Konzert fahren wir gerne auch nach Wien." (Doris Griesser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 9. 2003)

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