Ruhm, nicht nur in Ottakring

15. September 2003, 19:06
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Ein großer Themenbogen bestimmt das Philosophicum Lech

Lech - Wir bewegen uns alle in der Endlichkeit. Doch wir wollen unser Ende überleben. Und sei es nur, indem die Nachwelt sich an uns erinnert:

In diesem Spannungsfeld bewegt sich das diesjährige, siebente Philosophicum Lech über "Ruhm, Tod und Unsterblichkeit", eine Zusammenkunft von Fachwissenschaftern und einem (schon wieder) zahlreicher gewordenen Publikum. Und eine Thementriade, so zeitlos wie auf den Tag genau passend.

Denn der 11. September, so Konrad Paul Liessmann in seiner Eröffnungsrede, ist bekanntlich auch der 100. Geburtstag von Theodor W. Adorno, und er zitiert dessen Essay mit dem paradoxen Titel Tod der Unsterblichkeit: Der kritische Theoretiker habe sich gegen den Ruhm als Investition ausgesprochen in Zeiten, in denen ein "willkürliches Gedächtnis" hektisches Erinnern betreibe.

Von Adorno und seinem selber verblassten Ruhm ausgehend, schlug Liessmann, wissenschaftlicher Leiter des Philosophicums, einen Bogen zu Günther Anders: Durch sein Bemühen, bekannt zu werden, trotze der moderne Mensch der schockartigen Einsicht, ein identitäts- und heimatloses Wesen zu sein. "Weltberühmt in Ottakring" aber genüge nicht, er müsse es überall sein, Ruhm dränge nach Expansion, nach Publikum - und nach Ewigkeit.

Auf diese und ihre Nemesis, den Tod, konzentrierten sich die folgenden Vorträge. Reinhard Brandt (Philosoph in Marburg) skizzierte eine Historie der Todeskultur von frühägyptischen Techniken bis zu ihrer Ausblendung heute. Freitagvormittag setzte Volker Gerhardt (Berlin) mit 15 Punkten über "die Notwendigkeit des Todes" fort, wobei seine Hauptfrage darum kreiste, wie sehr man Seele und Körper argumentativ und realiter trennen könne. Punkt 14 - "Der Tod überwindet das Sterben" - kommt auf den Ruhm, das ehrende Andenken der Nachwelt zu sprechen: als Folge eines Lebens, das sich bewusst auf Wesentliches und auf Sinngebung konzentriert.

Peter Strasser schließlich, Rechtsphilosoph in Graz, fragt durchaus nicht rhetorisch nach den "Bedingungen der Möglichkeiten eines Lebens nach dem Tode". Er konstatiert, dass wir mittels des Gehirns notwendigerweise nur eine gehirndeterminierte, d. h. beschränkte Wahrheit erfahren können, somit nicht gerüstet sind, andere, "jenseitige" Wirklichkeiten zu denken. "Gibt es Reinkarnation?", so Strasser in der Diskussion. "Da bin ich im Augenblick noch unentschieden." (Michael Freund/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 9. 2003)

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