Posten und Pöstchen ... statt Wissenschaft und Forschung?

19. September 2003, 18:33
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Ein Kommentar der anderen von Michael Freissmuth

Trotz ihrer wiederholten Bekenntnisse, die Budgetmittel für Forschung zu erhöhen, hat die Bundesregierung heuer dem Forschungsförderungsfonds (FWF) überfallsartig die Mittel drastisch (um ca. 20 Prozent) gekürzt.

Außerdem soll der FWF seine Unabhängigkeit verlieren und in eine Holding eingebracht werden, ohne dass ein Nutzen für die Forschung erkennbar ist. Der einzige Nutznießer einer Holdinglösung ist die Politik, die sich damit Durchgriffsrechte, Posten und Pöstchen sichert. Forschung wird aber nicht von Politikern und deren Freunden in den Aufsichtsräten, sondern von Wissenschaftern betrieben.

Ein kleiner Zahlenvergleich: Der FWF erhält heuer ein Budget von ca. 70 Millionen Euro, damit werden viele Hundert wissenschaftliche Projekte finanziert, das heißt konkret: auch die Gehälter vieler Hundert junger österreichischer Wissenschafter bezahlt. (Michael Freissmuth/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 9. 2003)

Armutszeugnis

Die vergleichbare Deutsche Forschungsgemeinschaft erhält 1,3 Milliarden Euro (d. h. pro Einwohner doppelt so viel wie der FWF). In Deutschland stehen aber noch erhebliche zusätzliche öffentliche Mittel für die Grundlagenforschung zur Verfügung (insgesamt weitere 3,6 Milliarden Euro).

Die Schweiz hat auch einen (selbst verwalteten) Fonds für die Grundlagenforschung, der mit ca. 250 Mio. Euro dotiert ist (also pro Einwohner viermal mehr als der FWF).

Ich wage zu behaupten, dass die Leistungen, die mit den bescheidenen Mitteln des FWF erzielt werden, für die Zukunft des Wirtschaftsstandortes und der Kulturnation Österreich von eminentem Wert sind.

Forderungskatalog

Finanzminister Karl-Heinz Grasser hat im Zusammenhang mit der Kritik des Rechnungshofs gemeint, dass die Gehälter der ÖIAG-Vorstände peinlich niedrig sind. Ein Vorstand zum Beispiel ist der Republik jährlich ca. 680.000 Euro wert (zuzüglich einer 14-mal pro Jahr ausgezahlten Mietzinsbeihilfe).

Mit anderen Worten, das Budget des FWF entspricht gerade 100 Gehältern eines ÖIAG-Vorstands. Kommentar überflüssig.

Daher haben nun mehrere Hundert Wissenschafter einen Aufruf unterzeichnet, in dem gefordert wird, die Unabhängigkeit des FWF zu wahren, ihn adäquat mit finanziellen Mitteln auszustatten, um die von der Bundesregierung verursachte Budgetkrise des FWF zu lösen und auch jährliche Steigerungen des FWF-Budgets vorzusehen, um die Vorgaben der Bundesregierung erfüllen zu können. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 9. 2003)

Michael Freissmuth ist Vorstand des Instituts für Pharmakologie an der Uni Wien
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