Spionageverdacht im Chipwerk

18. September 2003, 21:31
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Ein Fall von möglicher Industriespionage bewegt die steirische Halbleiterszene - Austriamicrosystems und SensorDynamics streiten um die Urheberschaft bei einer neuen Chiptechnologie

Wien - Die Sache erinnert ein bisschen an den früheren VW-Einkaufschef José Ignacio Lopez, dem General Motors vorgeworfen hatte, bei seinem Weggang Produktionsunterlagen der Tochter Opel zu VW "mitgenommen" zu haben:

Der steirische Chipproduzent Austriamicrosystems hat vier seiner ehemaligen Manager aus dem automotiven Bereich im Verdacht, sich Know-how aus Forschungstätigkeit angeeignet und damit ein eigenes Unternehmen, die SensorDynamics AG Entwicklungs- und Produktionsgesellschaft, gegründet zu haben. "Es gibt ein Urheberrechtsgesetz, und gegen dieses wurde klar verstoßen", sagt Michael Wachsler-Markowitsch, Chief Financial Officer der Austriamicrosystems AG. Bei der Staatsanwaltschaft in Graz laufen Vorerhebungen.

Chip entwickelt

In der Automotive Business Unit der Austriamicrosystems sei in den letzten zweieinhalb Jahren mit einem Aufwand von mehreren Millionen Euro ein Chip für einen Großkunden aus der Autobranche (der nicht genannt werden will) entwickelt worden. Dieser Chip zeichne sich durch eine neue Architektur aus und sei als Grundlage für künftige Halbleiterbaureihen gedacht, erklärt Wachsler-Markowitsch. Im Businessplan der Austriamicrosystems sei projiziert, dass mit diesem Produkt ab 2006 jährlich rund zehn Millionen Euro Umsatz gemacht wird. "Und nun kommen die daher und wollen so etwas in einem halben Jahr anbieten", sagt der Finanzchef.

Die SensorDynamics AG wurde zum Jahreswechsel gegründet und bezeichnet sich als Start-up-Unternehmen. Vorstand ist der ehemalige Austriamicrosystems-Manager Herbert Gartner; Aktionäre sind Bernhard Astner von der Grazer HBA BeteiligungsgesmbH und Gerhard Jarosch. Gartner zum STANDARD: "Alle Vorwürfe sind falsch. Wir haben gegen John Heugle (Austriamicrosystems-CEO, Anm.) bereits eine einstweilige Verfügung eingebracht."

Sensoren für die Automobilindustrie

Allerdings bestätigt Gartner den Geschäftszweck der SensorDynamics, Sensoren für die Automobilindustrie herstellen zu wollen, "ein Bereich, der von hohen Wachstumsraten geprägt sein wird". Mit dem Gang zum Gericht versuche Austriamicrosystems, von Problemen abzulenken: "Dort ist einiges im Umbruch." Parallelen gibt es bei den beiden Streitparteien auch in der Wahl des Firmensitzes: Beide residieren in Schlössern nahe Graz. Austriamicrosystems in Unterpremstätten, SensorDynamics in Schloss Eybesfeld bei Lebring.

Letztlich habe die "Gerüchteküche in der überschaubaren Branche" Austriamicrosystems dazu bewogen, mit dem Verdacht der Industriespionage an die Öffentlichkeit zu gehen, sagt Michael Wachsler-Markowitsch: "Banken und unser Aktionär, der Pensionsfonds Pemira, wurden bereits mit Gerüchten konfrontiert, uns ginge es schlecht." Das Gegenteil, sagt er, sei der Fall. Heuer sei ein Umsatzwachstum von zehn Prozent auf 145 Mio. Euro zu erwarten. Mit einer Exportquote von 99 Prozent zähle man weltweit zu einem der führenden Anbieter so genannter integrierter analog/digitaler Schaltkreise. Auch an Gerüchten, Pemira wolle sich von Austriamicrosystems trennen, sei nichts dran: "Es gibt keine solchen Pläne."

Bei der Staatsanwaltschaft Graz bestätigt Pressesprecher Peter Huber das Verfahren. Allerdings würden die gerichtlichen Vorerhebungen noch eine ganze Weile laufen, da es eine "extrem komplizierte Angelegenheit" sei. (Johanna Ruzicka, Der Standard, Printausgabe, 13.09.2003)

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