Bumm zu, der Geist in der Flasche

14. November 2005, 13:22
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Seit neuestem gibt es in Österreich Top-Weine mit Drehverschlüssen: mutiger Schritt oder das Ende der Weinkultur? Eine Debatte über Korken und seine Kronprätendenten.

Drehverschluss-Pionier Hannes Hirsch aus Kammern hat bereits Nachahmer gefunden. Auch Gerald Schneider vom Cobaneshof in Gobelsburg verwendet ab sofort Drehverschlüsse für seine Spitzenweine. Schneider, der laut eigener Aussage "zu Beginn seine Zweifel hatte", wurde im Rahmen eines Abendessens überzeugt, als er drei gleiche, mit Kork verschlossene Weine derselben Serie serviert bekam, die völlig unterschiedlich schmeckten.

Angesichts des wirtschaftlichen und imagemäßigen Schadens, den Weinerzeuger durch korkende Weine haben, ist es nur zu logisch, dass weltweit überlegt wird, wie das Problem in den Griff zu kriegen ist. Die Angaben darüber, wie viele Weine tatsächlich korken, ob schleichend oder offen, variieren dramatisch. In Österreich munkelt man von einer Dunkelziffer bis zu 25 Prozent. Der Weinjournalist Robert Joseph, der eine empfehlenswerte Website zum Thema betreibt, versucht mittels Umfragen eine Zahl zu erheben - ohne greifbares Ergebnis.

Als Alternativen zum Naturkorken stehen unterschiedliche Technologien zur Auswahl: Kunststoffkorken, Edelstahlkronkorken, Dreh-und Glasverschlüsse, wobei letzterer mit einer Aluminiumkapsel abgedeckt werden. Im "Wine Spectator online" werden zwei Neuentwicklungen vorgestellt: Zork, ein Verschlusssystem, das von Conor McKenna und einem Team der Queensland University of Technology 2002 entwickelt wurde, sich aber noch in der Testphase befindet und als eine Art "Best of" - aus Kork, Drehverschluss und Kunststoffpropfen - angepriesen wird: Für Geräuschfetischisten blobbt es beim Herausziehen, aber er dichtet ab wie ein Drehverschluss. MetaCork des kalifornischen Herstellers Gardner Technologies erinnert im Handling an einen Schalldämpfer, der auf eine Waffe aufgeschraubt wird. Er ist dreiteilig, eine Manschette mit Drehverschluss oben drauf und einem entfernbaren Zapfen aus Kunststoff oder Naturkork als Innenleben.

Kunststoffkorken sind bereits seit längerem vor allem bei jenen Weinen im Einsatz, die in den ersten zwei Jahren nach der Erzeugung getrunken werden. Dieser Verschluss ist heute weitgehend akzeptiert. Beliebtestes Contra-Argument ist, dass der Lieblingsöffner der Weinfreaks, Screwpull, nicht greift und der Korken nur schwer oder gar nicht in die offene Flasche gesteckt werden kann. Dass sich bei längerer Lagerdauer Weichmacher und andere Substanzen aus dem Material herauslösen sollen, wird erst in zweiter Linie angeführt. Naturschutzbewegte Befürworter argumentieren, dass es sich für einen Wein, der relativ jung getrunken wird, nicht dafür steht, Korkeichen zu strapazieren, wenn ein Kunststoffkorken die erwünschte Wirkung zeigt, nämlich den Wein dicht, frisch und geschmacklich unverändert zu erhalten.

Die Erfahrungen mit Kronkorken sind tendenziell positiv, wobei hier als Gegenargument vor allem Kundenakzeptanz ins Treffen geführt wird. Am Rheingauer Weingut von Peter Jakob Kühn wurden die 2001er-Weine zu 80 Prozent mit Edelstahlkappen verschlossen, und man ist zufrieden. Um die Kunden nicht zu sehr mit optischen Neuerungen zu behelligen, wurde dem Kronkorken "eine Art Hütchen" übergezogen. Optische Vertrautheit scheint generell wichtig zu sein. Auch dem von Alcoa Deutschland in Kooperation mit der Fachhochschule Geisenheim entwickelten Glasverschluss wurde eine Kappe aufgesetzt, auch um die Sache wieder verschließen zu können. Derzeit wird der Glasstöpsel in einem Großversuch getestet. 2004 möchte man in Serie gehen. Für den Glasverschluss spricht, dass er absolut neutral ist, voll recyclingfähig und wieder verschließbar. Allerdings braucht man einen eigenen Öffner.

Weiter ist man bei Drehverschlüssen, die bereits seit rund 20 Jahren im Einsatz sind. In der Schweiz werden etwa 80 Prozent aller Weißweine, auch solche, die zur Lagerung bestimmt sind, damit verschlossen. Auch in den großen Weinexportländern wie Australien, Kalifornien oder auch Spanien (Torres) geht man immer mehr auf Drehverschlüsse über, tendenziell zuerst für Weißweine, in Einzelversuchen auch für Rote. Penfolds, das zu Southcorp gehörende australische Winery-Flaggsschiff, schraubt seit dem Jahrgang 2002 den Eden Valley Riesling zu. "Wir wollen die Frische erhalten", tut Chef-Weinmacher Peter Gago per Homepage kund.

Die Naturkorkenhersteller scheinen die Dynamik der Entwicklung doch etwas unterschätzt zu haben. Nicht nur im wichtigsten Kork produzierenden Land, Portugal, verließ man sich allzu gerne darauf, dass die Konsumenten Natur pur bevorzugen würden. Zahllose Verfahren wurden entwickelt, um Korkgeschmack auszuschalten, erwiesen sich aber im Endeffekt nicht als zielführend. Für das Jahr 2003 hat Apcor, die portugiesische Vereinigung der Korkproduzenten, die auch ein Forschungslabor betreibt, 2,5 Mio. Euro an Forschungsgelder flüssig gemacht. Ziel: das gefürchtete Trichloranisol (TCA) zu eliminieren. Da aber bisher nichts wirklich gegriffen hat, beschuldigen Hersteller, Händler und Winzer weltweit einander weiterhin lustig im Kreis, an der Misere wegen fehlender Hygiene und Qualitätssicherung bei der Herstellung, in den Handelswegen oder falsches Handling am Weingut Schuld am Korkschmecker zu sein.

Die Akzeptanz von Alternativverschlüssen ist in den einzelnen Ländern völlig unterschiedlich. Das Argument, dass Konsumenten nicht durch allzu rüde neue Technologien verschreckt werden wollen, wird gerne strapaziert. In den großen Überseeweinregionen wie "Kalifornien oder Australien hat man den Umweg über Kunststoffkorken gar nicht oder nur kurz eingeschlagen und greift immer öfter zum Drehverschluss", erklärt Alexander Lupersböck, ein Weinexperte, der lange Jahre im internationalen Weinbedarfshandel tätig war.

Jedenfalls wird ganz sicher nicht das Ende der Weinkultur heraufdämmern, sollte das ach so elegante Blobb, welches das Öffnen einer Flasche signalisiert, durch ein weniger wohlklingendes Krrrtzz ersetzt werden. Wie bei so vielen Dingen im Leben zählt auch hier der innere Wert. Und der eröffnet sich in jedem Fall erst, nachdem der Inhalt der Flasche oder ein Teil davon mit einem satten Lonklonklonk ins Glas befördert worden ist, wenn schon von Geräuschen die Rede sein soll. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 13./14.9.2003)

Von Luzia Schrampf

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