Wein-Wahnsinn

31. Oktober 2005, 16:16
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... oder: Wie ich lernte, Wissen und Durst zu kanalisieren.

Schuld daran ist Albert Gesellmann. Er war es nämlich, der an einem zauberhaften Frühlingssamstag im mittelburgenländischen Deutschkreutz, als die Jahrgänge 92, 93 aktuell waren, mit einer Horde von sechs oder sieben - höflich ausgedrückt - weinmäßig unbedarften Menschen drei, vielleicht auch vier Stunden zusammensaß und erzählte. Bis zu diesem Zeitpunkt ernährten wir uns redlich vor allem von Bier oder Weißen G'spritzten. Ideen und Vorstellungen von Wein und dem, was dahinter steckt, waren höchst vage, kamen z.B. aus dem Kino oder, wie in meinem Fall, auch aus einem als Maturareise getarnten Retsina-Crashkurs in den frühen 80ern.

Wir versuchten also krampfhaft, uns beim Glasschwenken nicht gegenseitig anzupatzen und kicherten über die Weinbeschreibungen auf der Verkostungsliste - "Harmonischer Abgang? Was soll denn das sein?". Und wir löcherten Albert G. mit dummen Fragen. Mit der Geduld eines Esels erzählte Gesellmann über sein Fach, darüber, was er so gesehen hatte bei Weinreisen und wie er sich die weinmäßige Zukunft vorstellte. Dazu wurde viel, sehr viel "geschmeckt" - unsere erste Verkostung unter professioneller Anleitung.

Für einige von unserer Partie hatte dieser Nachmittag Auswirkungen, wobei sie bei mir - zumindest bis jetzt - am nachhaltigsten waren. Denn ich habe Ende August eine zweijährige Ausbildung abgeschlossen, an deren Ende "The Wine and Spirit Education Trust" in London mir als einer von insgesamt 179 Personen in Österreich schriftlich und international anerkannt bescheinigt, in den vergangenen Jahren so viel über Weinmarketing, Produktion, Rebsorten, internationale Weinbauregionen, Verkosten etc. gelernt zu haben, dass ich mich ab Mitte November offiziell "Weinakademikerin" nennen darf.

Viele haben berufsmäßig mit der Materie zu tun, einige Verwegene, und das ist gut so, machen aus reinem Spaß an der Freud' mit. Ich bin seit rund dreieinhalb Jahren in der wunderbaren Lage, mir mit diesem ursprünglich rein privaten Wahnsinn auch einen Teil meines Lebensunterhaltes verdienen zu können, indem ich darüber schreibe.

Besagter Frühlingsnachmittag zeigte also Wirkung. Weinbauern wurden in der Folge heimgesucht. Es war abenteuerlich, Gerüche und Geschmäcker - teilweise neu - zu entdecken und benennen zu lernen, zu erfahren, unter welchen Bedingungen das Naturprodukt Wein entsteht, und auch in welchem Maße und mit welchen Mitteln, positiven wie negativen, es manipulierbar ist.

Irgendwann hörte ich, dass es allen Ernstes eine Institution namens Weinakademie gibt, die einem unterstützt, wenn man es tatsächlich ganz genau wissen möchte. Ich hatte meinen Spaß an unterschiedlichen Verkostungen in und außerhalb der Akademie und an diversen Basis- und Aufbauseminaren. Selbst wenn sie geschmacklich nicht immer das A und O der Weinfreuden vermittelten: Rein trainingstechnisch wichtig war beispielsweise eine Verkostung von fehlerhaften Weinen (Aufbauseminar) aus der Eisenstädter Prüfanstal: Selbst als verbriefte Atheistin bete ich seit damals inständig, dass mir das degustatorische Erlebnis von "Mäuseln", das sich bei dieser einmaligen Begegnung unauslöschlich eingegraben hat, auch im zukünftigen Dasein erspart bleiben möge.

Die Lektoren der Weinakademie sind Spezialisten ihrer Fächer. Die Besten unter ihnen vermitteln einem das Thema so leidenschaftlich, dass man sich selbst nach vier-, fünfstündigen Vorträgen, wie sie im Diplomlehrgang durchaus vorkommen - zugegeben, mit Kaffee(!)pause -, noch wünscht, dass sie bitte jetzt nicht einfach mit der Materie durch sein und heimgehen mögen.

Verkosten ist der Dreh- und Angelpunkt, wenn man der Sache Wein auf den Grund gehen möchte. Im Zuge teils privat organisierter Trainings und Verkostungsrunden trinkt man so einiges, dem man lieber nie begegnet wäre - Stichwort "gemeines Schädelweh" - und spuckt Weine, aus welchen Gründen auch immer, denen man nach drei Jahren noch nachheulen möchte. Und man lernt mit der Zeit auch, schwarz gefärbte Zähne aus Rotwein-Tastings hinzunehmen und körbeweise Leerflaschen mit Würde zum Altglascontainer zu tragen.

Herausfordernd war die eintägige Abschlussprüfung am Ende eines jeden Kursjahres: Dabei galt es, das Wissen, das man sich idealerweise in permanentem Studium und Befassen mit der Materie erworben hatte, in der Verkostungspraxis und in Prüfungsblocks wie Weinbau, Kellertechnik, Geografie und Marketing in fächerübergreifenden und essayistisch zu behandelnden Fragestellungen handschriftlich darzulegen, strukturiert und - leserlich. Schließlich korrigieren ja keine Grafologen.

Mir ist bis heute nicht klar, ob Albert Gesellmann, der sich sicherlich keinen Deut mehr erinnert, seinerzeit tatsächlich so viel Zeit und - so hoffe ich für ihn - vielleicht sogar Spaß hatte, oder ob er angesichts einer so kompakten Ladung Wein-Nichtwissens zu paralysiert war, um die Flucht zu ergreifen. Aus heutiger Sicht kann ich nur sagen, dass das Thema wunderbar uferlos ist und sich immer wieder neu erfindet, selbst wenn es sich in einem Umfeld abspielt, in dem man sich gerne auf Traditionen beruft. Und falls ich je einmal kund tun sollte, eh alles über Wein zu wissen, darf mir Josef Schuller kommentarlos das Diplom entziehen. (Luzia Schrampf, DER STANDARD, ALBUM Printausgabe vom 13./14.9.2003)

  • Im Wein wohnt die Wahrheit und vergeblich klopfe an die Pforten der Musen, sagt Aristoteles, wer ohne Wein ist. Kunst und Korken vereint auch unsere Abbildung, die einen Ausschnitt aus einer Installation von Armin Karner zeigt

    Im Wein wohnt die Wahrheit und vergeblich klopfe an die Pforten der Musen, sagt Aristoteles, wer ohne Wein ist. Kunst und Korken vereint auch unsere Abbildung, die einen Ausschnitt aus einer Installation von Armin Karner zeigt

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