Ylva Anna Lindh: Eine Kronprinzessin
mit Prinzipien

13. September 2003, 00:06
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Ein Nachruf auf die ermordete schwedische Außenministerin

Ylva Anna Maria Lindh war eine sehr bestimmte Person. Was sie wollte, wovon sie überzeugt war, das setzte sie, wenn sie konnte, in einer sehr typischen Weise durch: klar, direkt, schnörkellos, ohne Pathos. Für Leute, die Geradlinigkeit schätzen, war sie (die äußerlich ganz dem Klischeebild von der hübschen, kühlen Blonden aus dem Norden entsprach) eine wunderbare Gesprächspartnerin: lebensfroh, charmant, ruhig, engagiert, positiv denkend.

Wunsch nach "normalem" Leben

Einer dieser Wünsche, die sie durchsetzte, war, auch als Außenministerin ein einigermaßen "normales" Leben führen zu dürfen, sich frei zu bewegen. Lindh bestand auf freie Abende. Die wollte die 46-Jährige so oft wie möglich mit ihrer Familie - Ehemann Bo und zwei Söhnen (zwölf und acht) - verbringen. So fuhr sie Tag für Tag mit dem Zug die hundert Kilometer von ihrer kleinen Heimatstadt Nyköping nach Stockholm und zurück. Ohne Leibwächter. Als Begleiter nur ihr kleiner schwarzer Rucksack mit Lesestoff.

Stur und grundsatztreu

Premierminister Göran Persson verlor mit ihr seine politische Kronprinzessin. Auf sie, die grundsatztreue Paradesozialistin, war er sichtlich stolz, und er hat es in kleiner Runde auch ausgesprochen. Auch wenn Lindhs stures Beharren auf ihren Überzeugungen ihm oft Unannehmlichkeiten bereitete, wie vor kurzem, als sie Italiens Premierminister Berlusconi frontal attackierte, für unfähig erklärte, die EU-Verfassung auf den Weg zu bringen. Anna Lindh, studierte Juristin, war Berufspolitikerin: mit zwanzig Jugendverbandschefin, mit 25 jüngste Reichstagsabgeordnete, von Olof Palme gefördert, mit Anfang 30 im Präsidium der Partei, 1994 Umweltministerin, seit 1998 Außenministerin.
(Thomas Mayer, DER STANDARD-Print, 12.9.2003)

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    Die schwedische Außenministerin Anna Lindh wurde am Mittwoch von einem unbekannten Täter ermordet.
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