"Förderung unterentwickelt"

16. September 2003, 18:49
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In der Wiener Anton-Krieger-Gasse läuft seit 30 Jahren ein Schulversuch zur Gesamtschule - Direktor Herbert Schmidt im STANDARD-Interview

STANDARD: Wo sehen Sie Vorteile Ihrer Gesamtschule?

Schmidt: Wir nehmen auch Kinder, die die AHS-Reife um ein paar Noten verfehlt haben. Unsere Erfahrung ist die, dass Volksschulnoten nicht sehr aussagekräftig sind. Es kommen Kindern mit lauter Sehr gut aus der Volksschule, die bei uns schlechter sind als ein anderes Kind, das aus einer anderen Volksschule kommt mit einem Dreier und gar nicht die AHS-Reife hätte. In Volksschulen wird sehr unterschiedlich benotet. Ich halte es für falsch, dass einem Zehnjährigen der Zugang in die AHS verbaut wird, nur weil er einen strengeren Volksschullehrer hatte.

STANDARD: Manche fürchten, dass die Gesamtschule das Niveau nach unten nivelliert.

Schmidt: Das ist eine Frage der Ressourcen. In einem System, in dem die schlechteren Kinder gefördert werden können, ist eine Gesamtschule sicher machbar. Das sieht man in Finnland, das in allen Studien besser dasteht als Österreich. Die Voraussetzung ist natürlich gezielte Förderung der Kinder, und die ist in Österreich vollkommen unterentwickelt. In meiner Schule ist das partiell möglich, weil wir mehr Ressourcen haben. STANDARD: Was teuer ist. Schmidt: In Österreich sind Schulen auf ein unvertretbares Maß reduziert. Unsere Schule ist nicht dramatisch teurer, Gesamtschulen kosten vielleicht 15 Prozent mehr.

STANDARD: Ihre Schule ist seit 30 Jahren ein Schulversuch.

Schmidt: Unser Modell der Gesamtschule sollte längst ins Regelschulwesen übernommen werden. Skandinavische Länder zeigen, dass die Gesamtschule machbar ist - mit vertretbarem finanziellem Einsatz. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13./14.9.2003)

Das Gespräch führte Eva Linsinger
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