Was die Zukunft kostet

9. Jänner 2000, 20:10

Österreich-Entschädigungen für NS-Zwangsarbeit

Entschädigung für Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg, nach Deutschland nun auch Österreich zur Kasse gebeten. So lauteten einige Schlagzeilen.

Was den US-Anwälten nicht alles einfällt, um Geld zu machen. Der Staat wird ducken und zahlen, das Budget wird zwicken, ein Sparpaket wird kommen. Und unsere Jungen fragen sich zu Recht: Was geht mich das an? So der Tenor eines Leserbriefs von Egon Haller aus Wien in der Kronen Zeitung.

Gäbe es diesen Brief nicht, man hätte ihn glatt erfinden müssen. Da war man 1944 noch zwanzig Jahre nicht geboren, hat nie auch nur einen einzigen Menschen zur Arbeit gezwungen, geschweige denn eine Ahnung davon, wie das alles passieren konnte - und soll jetzt brennen? Vielleicht am Erbe vom Herrn Vater Oberscharführer knabbern oder am Erlös aus dem Verkauf der mütterlicherseits arisierten Jugendstilkredenz? Sicher war das schrecklich. Damals.

Aber was hat denn das mit uns zu tun? Schauen Sie, sogar die Unternehmen, bei denen die armen Zwangsarbeiter gehackelt haben, zweifeln zum Teil immer noch daran, ob sie tatsächlich heute für etwas Verantwortung tragen, was vor 60 Jahren passiert ist. Und da sind schließlich große, renommierte Firmen dabei. Mit hundertjähriger Tradition.

Ruhen lassen?

Kann man denn die Vergangenheit nicht endlich ruhen lassen? Es ist doch auch den bedauernswerten Opfern nicht geholfen, wenn die tragischen Erinnerungen immer wieder aufgerührt werden. Viel g'scheiter wäre, man lässt sie die paar Lebensjahre in Ruhe verbringen, die sie, Gott erhalt's, noch haben. Und gibt denen Geld, die es heute brauchen. Gell, Herr Haller?

Irrtum, Herr Haller. Die "Jungen", die vor solche und ähnliche Argumentations-karren gespannt werden, eignen sich nicht für das Ziergartl auf dem Gewissensgrab. Jedenfalls nicht alle. Sie haben begriffen, dass "lange her" nicht automatisch "vorbei" bedeutet. Dass die Moral von der Geschichte eine Geschichte der Moral ist.

Ja, man kann einmal in einen braunen oder sonst wie üblen Haufen treten. Aber dann möge man bitte zurück-blicken und sich genau anschauen, worum man das nächste Mal einen großen Bogen macht.

Das, womit viele Spätgeborene nix zu tun haben wollen, sind nicht die berechtigten Ansprüche aus der Vergangenheit. Sondern Frühgeborene, die sich den braunen Gatsch bis zur Gegenwart partout nicht aus den Schuhen putzen wollen.

Schlimm genug

Dass Menschen in unserem Land, dem Land der alten und der jungen ÖsterreicherInnen, Sklavenarbeit leisten mussten, ist schlimm genug. Wenn man dieser Tatsache mit Zudecken & Zeitschinden begegnet, ist das blamabel.

Und wenn über Budgetposten oder Steuereffekte einer solchen Entschädigung debattiert wird statt über ihre dringend fällige Signalwirkung, dann ist das geradezu beschämend billig.

Apropos billig: In Deutschland waren rund 14 Millionen ZwangsarbeiterInnen eingesetzt, Regierung und Unternehmen haben Ende 1999 beschlossen, den Entschädigungstopf mit je 35 Milliarden Schilling zu dotieren.

In Österreich, schätzt die mit entsprechenden Sondierungen beauftragte Historiker-Kommission, arbeiteten zur NS-Zeit etwa 500.000 Menschen um ihr Überleben. Die Eckdaten der deutschen Einigung simpel heruntergebrochen, ergäbe das für unser Land einen Staatsanteil von zirka 1,25 Milliarden Schilling. Also nicht einmal zwei Hunderter pro EinwohnerIn.

Wir bestellen uns ein Weltreich mit Herrenrasse, wir zahlen. Und natürlich wächst das Geld nicht in irgendeiner Amtsstube. Ein Staat ist ja kein tausendarmiger Tintenfisch mit Ärmelschonern, sondern das sind wir. Wir bestellen uns ein Weltreich mit Herrenrasse, wir zahlen.

Zum Beispiel den Preis einer ordentlichen Beschäftigungspolitik.

Alte Schulden

Dass solche Rechnungen manchmal über Generatio-nen hinweg abliegen, ehe sie beglichen werden - und jede Wette, dass sie immer irgendwie beglichen werden; sei es mit Geld oder mit schlechtem Ruf oder mit mieser gesellschaftlicher Großwetterlage -, gehört dazu. Wir kriegen schließlich auch was dafür, dass wir alte Schulden übernehmen; vorausgesetzt, das geschieht einsichtig, nicht zähneknirschend.

Wir kriegen das Bewusstsein für Fehler, die man bitte nicht zweimal macht. Wir kriegen also in erster Linie Zukunft. Und die darf was kosten.
Elisabeth Pechmann ist Chefredakteurin der Autozeitschrift ALLES AUTO

Nächste Woche
an dieser Stelle: die Journalistin Irene Jancsy.
In zwei Wochen: die Schrift- stellerin Marlene Streeruwitz.

Zwangsarbeit. Na und? Was geht das die Jungen an? Oder hat die Moral vielleicht doch eine Geschichte? Gedanken aus der Spätgeborenen-Perspektive von Elisabeth Pechmann. Foto: Alois Rothensteiner
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