Erdige Zeitreise entlang der Hochleistungsstrecke im Tullnerfeld

17. September 2003, 18:02
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Archäologen fanden auf "Verdachtsflächen" der zukünftigen Eisenbahn-Trasse Objekte aus sechs Jahrtausenden

Michelhausen - Aus dem Lehmboden ragen Rippen: ein Pferd. "Wahrscheinlich römisch", konstatiert Christoph Blesl. Der Archäologe ist Leiter jenes Grabungsteams des Bundesdenkmalamtes (BDA), das seit Herbst vergangenen Jahres entlang der künftigen Hochleistungs-Bahntrasse im Tullnerfeld eifrig buddelt. Das Zwischenergebnis ist beeindruckend: Die Funde beweisen menschliche Besiedelung über sechs Jahrtausende.

Das Schaben, Kratzen und Bürsten der rund 50 Mitarbeiter in Blesls Mannschaft hört man kaum. Im Hintergrund bewegen nämlich Bagger und andere monströse Baufahrzeuge gigantische Erdmassen. 2011 soll sich genau da, wo derzeit mit Spachtel und Pinsel der Boden fachmännisch gestreichelt wird, die Bahn dem Geschwindigkeitsrausch hingeben: in 20 Minuten von Wien nach St. Pölten.

Zeitdruck

"Minuten" gehören allerdings nicht zum Vokabular eines Archäologen. Eher schon Wochen, Monate, Jahre. Im Tullnerfeld stehen Blesl & Co allerdings permanent unter Zeitdruck. 19 so genannter Fund- und Verdachtsflächen hat man von Chorherrn - wo in Zukunft der Wienerwald-Tunnel Züge aus dem Berg spucken wird - bis Pottenbrunn geortet. Zwei sind bisher wissenschaftlich erfasst, weitere vier in Arbeit.

In den Krug passen gut und gerne 40 Liter. Er stammt aus dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert. Gemeinsam mit anderen Keramikgefäßen, Bronzeschmuck, Pfeilspitzen, Münzen und sonstigem antiken Hausrat lagert das sorgfältig restaurierte Behältnis im Planungsstützpunkt der HL-AG in Michelhausen. Dort arbeitet Zukunft und Vergangenheit - also HL-AG und BDA - Rücken an Rücken. Völlig problemlos, ohne Termin- oder sonstigen Kollisionen und im besten Einvernehmen, wie beide Seiten äußerst glaubhaft versichern.

Querschnitt

"Die Dimensionen der Verdachtsflächen haben mich schon überrascht. Das ist viel mehr entdeckt worden, als ich gedacht hätte", steckt auch Reinhold Hödl, Projektleiter der HL-AG für den Abschnitt Tullnerfeld, neugierig seine Nase in die Arbeit der Archäologen. "Es ist mittlerweile ein wunderbarer und aussagekräftiger Querschnitt durch etwa sechs Jahrtausende", stimmt Blesl freudig zu. Jungsteinzeit, Bronzezeit, Hallstattkultur, Kelten, Römer, frühes Mittelalter - das Tullnerfeld scheint seit jeher ein beliebter Aufenthaltsort für den sesshaften Homo sapiens gewesen zu sein.

Mit viel Spannung und Akribie tragen die fleißigen Vergangenheitsforscher Zentimeter für Zentimeter Erdreich ab - und im Hintergrund tickt die Uhr der HL-AG. Die Mischung aus aufwendigem Dokumentieren jedes "verdächtigen" Fleckens und permanentem Zeitdruck sei schon eine besondere Herausforderung, meint Blesl. 1,5 Kilometer haben sich die Archäologen seit vergangenem Winter vorgearbeitet - bis Pottenbrunn ist es noch ein langer Weg. Es wartet also noch eine Menge Knochenarbeit - im wahrsten Sinne.

"Das Pferd ist auf jeden Fall eingegraben und nicht tot liegen gelassen worden", wirft Blesl noch einen fachmännischen Blick auf die Rippen, die aus dem Boden ragen. Ein paar Stunden später werden sie - und alle weiteren Knochenteile - aus der lehmigen Umklammerung befreit sein. Dann geht's ab ins Depot nach Michelhausen zu den anderen Fundstücken.

Blesl kann sich gut vorstellen, dass dort schon Anfang 2004 eine Präsentation der "Bodenschätze" stattfindet. Auch Herr Hödl von der HL-AG hält das für eine gute Idee. Bis dahin ist jedoch noch viel zu tun. Hoffentlich. Denn sinken die Temperaturen ähnlich tief wie in der vergangenen Kälteperiode, dann haben die Kellen, Spachteln und Pinsel gegen den betonharten Boden nicht den Hauch einer Chance. Und untätiges Warten auf Tauwetter ist für Archäologen ohnehin die Höchststrafe. Noch dazu würden dann die Zeiger der HL-AG-Uhr noch lauter ticken. (APA)

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