Gesamtschulen und Zahnbürsten

19. September 2003, 18:21
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Ein Beitrag zur bildungspolitischen Mundhygiene - Kommentar der anderen von Karl Heinz Gruber

In Großbritannien gibt es zurzeit aus Anlass der Hutton Inquiry, die nach dem Selbstmord des Waffenexperten Kelly die Informationspolitik der Regierung Blair untersucht, eine gründliche Debatte darüber, inwiefern ein Minister als Träger eines öffentlichen Amtes bei öffentlichen Äußerungen zur "Wahrheit" verpflichtet ist bzw. inwiefern er als Politiker seine "Meinung" und unbelegbare Behauptungen "einfach so hinsagen" darf.

Schwarzes Phantom

Dieses Frage stellt sich auch im Hinblick auf die von Bildungsministerin Gehrer im STANDARD vom 10. September gemachte Aussage, wo sie - als Ministerin oder als Politikerin? - "meint", ". . . die Pisa-Studien habe gezeigt, dass eine ,undifferenzierte Gesamtschule' den schlechtesten Bildungserfolg bringe".

Mitnichten! Weder im österreichischen noch im internationalen, von der OECD selbst herausgegebenen Pisa-Bericht kommt der Begriff "undifferenzierte Gesamtschule" vor, und zwar deswegen, weil es nirgendwo "undifferenzierte" Gesamtschulen gibt! Nicht nur das Pisa-"Siegerland" Finnland, sondern auch alle anderen skandinavischen und westeuropäischen Länder differenzieren in ihren Gesamtschulsystemen nach Leistung und nach Interesse - aus pädagogischer Vernunft und aus Verantwortung für die vielfältigen Begabungen und Neigungen ihrer Kinder.

Es ist höchste Zeit, dass sich die ÖVP vom Phantom der "Einheitsschule für die Zehn-bis 14-Jährigen" verabschiedet und - wie ihr couragierter steirischer Landesgeschäftsführer Schnider - die außerhalb des deutschen Sprachraums vorfindbare schulorganisatorische Wirklichkeit zur Kenntnis nimmt.

Man hatte lange Zeit den Eindruck, konservative österreichische Bildungspolitiker würden lieber die Zahnbürste eines Fremden als das Wort "Gesamtschule" in den Mund nehmen.

Fade Finnen?

Manchen von ihnen ist es äußerst unangenehm, dass der Pisa-"Sieger" Finnland, ein typisches skandinavisches Gesamtschulsystem hat, und der Hinweis, dass die meisten anderen Länder der Pisa-Spitzengruppe (Kanada, Australien, Japan, Südkorea, Neuseeland) ebenfalls Gesamtschulen haben, löst in der Regel die verärgerte Suche nach "nicht gesamtschulischen" Faktoren aus (Unterrichtsmethoden, Lehrerbildung . . . bis hin zur Behauptung, dass Finnland so "fad" sei, dass man dort als Schüler eben nichts anderes tun könne als lernen), die für das gute Abschneiden Finnlands bei Pisa verantwortlich seien.

Nun stimmt es natürlich, dass der Schulerfolg bzw. die Testleistungen von SchülerInnen "multikausale Phänomene" sind, also das Ergebnis des Zusammenwirkens vieler Faktoren, aber zumindest eines ist angesichts des Abschneidens Finnlands und der anderen skandinavischen Länder unübersehbar: Gesamtschulsysteme erreichen sehr wohl gute Schülerleistungen, bewirken also keineswegs eine "Nivellierung nach unten", und das ohne die krasse soziale Segregation, wie sie in Deutschland und Österreich durch die Auslese im Alter von zehn Jahren stattfindet.

Kleine Anregung

Wenn die Frau Bundesministerin weiter meint, "dass es wahnsinnig wenig bringt, wenn jetzt über die Organisation diskutiert wird", dann könnte sie ein Blick auf Seite 240 des internationalen Pisa-Berichts "Lernen für das Leben" eines Besseren belehren, wo es heißt: "Einerseits hat sich gezeigt, dass die soziale Segregation für die Privilegierten Vorteile bringt . . . Andererseits geht aus diesem Bericht hervor, dass die Bildungsungleichheit durch die schulische Segregation wahrscheinlich noch zunimmt" (Hervorhebung KHG).

Wie wäre es, wenn das Bildungsministerium

  • in die auf seiner Homepage angeführten "Schwerpunkte" das Ziel "Angleichung der Bildungschancen" aufnähme, das dort zurzeit irritierenderweise fehlt und wofür der österreichische Pisa-Bericht jede Menge Begründungen liefert;

  • Abschied nähme von einigen alten ideologischen Versatzstücken wie dem "Bekenntnis" zur schulischen Segregation im Alter von zehn Jahren und

  • sich auf eine offene Diskussion über eine faire und qualitätsvolle Neuorganisation der Schule der Zehn- bis 14-Jährigen einließe?

    In letzter Zeit ist viel die Rede von "Schulen als lernenden Organisationen". "Lernendes Ministerium" klänge für ein Bildungsministerium auch nicht übel. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 12.9.2003)

  • Der Autor ist Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Wien und arbeitet zurzeit an einem Forschungs- projekt an der Universität Kioto, Japan
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