Hilfloser "Machiavelli aus Vingaaker"

12. September 2003, 20:46
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Kopf des Tages: Schwedens Premier Göran Persson verkündete unter Tränen Anna Lindhs Tod

Selten haben die Schweden den großen Mann so hilflos dastehen sehen: Als Göran Persson Donnerstagvormittag den Tod seiner Außenministerin offiziell bestätigte, hatte er Tränen in den Augen. Der schwedische Premier, der sich im Laufe seines langen Politikerlebens den Spitznamen "Han Som Bestämmer" (Derjenige, der bestimmt) erworben hat, musste erkennen, dass es nichts mehr zu bestimmen gab. Das Attentat war nicht mehr rückgängig zu machen, Anna Lindh war tot.

Wie Lindh hat Persson eine Vergangenheit als ein in der Wolle gefärbter Sozialdemokrat. Aus einfachen Verhältnissen in Vingaaker stammend, studierte er Staatswissenschaften und Soziologie in Örebro. Einen Abschluss schaffte er dort nicht, dafür machte er Karriere in der Sozialdemokratischen Partei. Er startete 1971 als Ombudsmann der Sozialistischen Jugend, war Parlamentsabgeordneter und Bürgermeister von Katrineholm. 1989 berief ihn Ingvar Carlsson zum Minister für Erziehung.

Im Kabinett von Ingvar Carlsson diente der nun 54-Jährige gemeinsam mit Anna Lindh (Umweltministerin ab 1994). Dem durchsetzungsstarken "Machiavelli aus Vingaaker" kam es Mitte der 90er-Jahre als Finanzminister zu, die Staatsfinanzen zu sanieren und den schwedischen Wohlfahrtsstaat zu reformieren. Das schaffte er mit Bravour: Zwischen 1993 und 1996 sank die Arbeitslosigkeit von 13 auf drei Prozent, die Inflationsrate fiel von zehn auf 0,8 Prozent.

Damit qualifizierte sich der joviale 110-Kilo-Mann auch politisch zu einem Schwergewicht, das für das Amt des Premiers taugte. 1996 übernahm er von Carlsson den Sagerska-Palast und auch die Führung der Sozialdemokratischen Partei. Zwei Jahre später verlor Persson bei nationalen Wahlen zwar, blieb aber im Amt. Im Herbst 2002 dagegen wurden seine Sozialdemokraten mit 3,5 Prozentpunkten Plus bestätigt - Persson hatte sich in der Zwischenzeit in der öffentlichen Meinung vom "ungeliebten Büffel", der sich im Porzellanladen der schwedischen Konsensdemokratie austobte, zum "charismatischen Landesvater" (NZZ) gewandelt.

Europäisches Profil gewann der Schwede im ersten Halbjahr 2001, als Stockholm die Präsidentschaft der Europäischen Union innehatte und auf dem Göteborger Gipfel der Fahrplan für die EU-Osterweiterung fixiert wurde. Seither wird der bullige Schwede immer wieder auch für hohe und höchste Ämter in Brüssel ins Spiel gebracht.

Persson ist in zweiter Ehe verheiratet und hat zwei Kinder. Er kocht gerne, wandert und interessiert sich für Literatur und Philosophie. Nach seinem politischen Leben, sagt er, kann er sich vorstellen, als Pastor zu dienen. - Seine seelsorgerischen Fähigkeiten muss er nun früher unter Beweis stellen. (Christoph Prantner, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 12.9.2003)

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