Investitionen ins Hirn gekürzt

11. September 2003, 20:12
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Kommentar von Hans Rauscher

Die Universitäten haben kein Klopapier. Haben sie je eines gehabt? Erinnerungsversuche an die eigene Studienzeit ergeben kein klares Bild. Rezentere Besuche an (Wiener) Fakultäten rufen nur den Eindruck allgemeiner Verwahrlosung hervor, auch außerhalb der Sanitärbereiche. Und tatsächlich hat die Universität Wien kein Geld, um die Fenster zu putzen, wie jetzt anlässlich einer Pressekonferenz der rot-grünen Wissenschaftssprecher Josef Broukal und Kurt Grünewald bekannt wurde. Außerdem klagt jeder Hochschullehrer, dessen man irgendwo ansichtig wird, über die Kürzungen in seinem Bereich.

Diese Kürzungen sind real. Finanzminister Karl-Heinz Grasser, dessen bildungspolitischer Horizont sich in der Äußerung offenbarte, die Unis könnten doch auf "Orchideenfächer" wie Orientalistik verzichten (klar, ein kleines Land wie Österreich braucht eh keine Leute, die sich vielleicht mit Sprache und Kultur von auch wirtschaftlich interessanten Ländern auskennen); dieser Karl Heinz Grasser, der in einem derStandard.at-Chat meinte, das bekannte Zitat von der Politik als Bohren harter Bretter sei von Karl Marx (statt von Max Weber); dieser Karl-Heinz Grasser also, der sich also lieber nicht zu einem Promi-Quiz von Armin Assinger trauen sollte, hat Bildungsministerin Elisabeth Gehrer einfach gezwungen, die Budgets für Universität und Schule zu kürzen.

Das Ergebnis laut Anton Zeilinger, Österreichs Nobelpreis-Hoffnung auf dem Gebiet der Teilchentransportation ("Beam me up, Anton!"): "Es ist etwas passiert, was ich nicht verstehe. Die Regierung gibt den Universitäten weniger Geld. Projekte können nicht durchgeführt werden. Wissenschafter müssen weggehen, weil sie einen Job brauchen" (Interview im Kurier).

In der Schule bedeutet das, dass Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen, Musik und bildnerische Erziehung gekürzt werden. Der Vorwand, von Frau Gehrer mit schlechtem Gewissen vorgetragen, war eine Entlastung der Schüler (am Samstag). Der wahre Grund ist natürlich, dass KHG ein schönes Budget will und bei der Bildung spart, weil er sich anderswo (Bundesländer) einfach nicht traut. Bundeskanzler Schüssel deckte ihm dabei den Rücken.

Es werden aber nicht nur die Gelder für die Universitäten und AHS gekürzt, sondern, kurzfristig noch gravierender, die Mittel für die Forschung. Die schwarz-blaue Wenderegierung ist seit fast vier Jahren im Amt und hat es nicht fertig gebracht, die Förderung von Forschung zu reformieren. Jetzt soll ein Fonds im Bundeskanzleramt eingerichtet werden, der aber zu Finanzminister Grasser ressortieren soll. Vermutlich, weil er sich so toll begabt beim Aufreißen von Industriespenden erwiesen hat, allerdings eher für seine eigene Kinderfoto-Homepage.

Um die Wichtigkeit der Forschungsförderung zu erkennen, muss man nur die diversen Reden des Kanzlers lesen oder, besser noch, die Studie des VP-nahen Wirtschaftsforschers Karl Aiginger, die besagt, dass Österreich in der Technologie Gefahr läuft, abgehängt zu werden, und bei seinen traditionellen Produktionen verharrt, die aber leider von Tschechien und Slowenien usw. genauso, aber billiger beherrscht werden.

Von einer konservativen Regierungskoalition hätte man anderes erwarten können. Aber bekommen haben wir eine Uni-Reform (mit vernünftigen Ansätzen), Studiengebühren, die zum Teil im allgemeinen Budget verschwinden - und eine Kürzung der Investitionen in österreichische Hirne. (DER STANDARD,Printausgabe, 12.9.2003)

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