Sanierungsfall Psychiatrie

17. September 2003, 09:37
3 Postings

Nach einem Suizid in der Akutstation der Psychiatrie Salzburg wurde eine Patientin erst einmal gar nicht vermisst

Salzburg - Der bei der Eröffnung vor zwei Jahren noch als Modellprojekt gefeierte Neubau der Psychiatrie an der Salzburger Landesnervenklinik ist schon jetzt in Teilen ein Sanierungsfall: Nach einem von Klinikchef Gunther Ladurner selbst in Auftrag gegebenen Gutachten zur Sicherheitssituation an der geschlossenen Akutstation ist ein wesentlicher Teil des über sieben Millionen Euro teuren Baus schlicht "völlig ungeeignet". Die erst im Juli 2001 eröffnete Station soll nun in einer aufwändigen Aktion, bei der auch die Patienten wieder verlegt werden müssen, saniert werden.

Brisante Gutachten

Anlass für das brisante Gutachten des Gießener Psychiatrieexperten Bernd Gallhofer war unter anderem der Suizid einer Patientin im Mai vergangenen Jahres. Nach dem STANDARD vorliegenden Unterlagen fiel das Verschwinden der Frau längere Zeit offensichtlich niemandem auf. Die Erhängte wurde in einer Toilette der Akutstation so spät entdeckt, dass sich an der Leiche bereits Totenflecken gebildet hatten. Der deutsche Psychiater bescheinigt der Salzburger Psychiatrie zwar keine "überzufällige Häufung" von Patientenselbstmorden, hält aber eine "bauliche Neugestaltung" und eine "Anhebung des derzeitigen Personalstandes" für unerlässlich.

Kritik an architektonischen Defiziten

Deutlich fällt Gallhofers Kritik vor allem bezüglich der Planung der Akutstation aus. Die "architektonischen Prinzipien" wären "völlig ungeeignet": Die räumlichen Gegebenheiten seien unübersichtlich, ein Einschreiten des Personals bei "auto- oder fremdaggressiven Handlungen" werde erst nach Mitteilung durch Dritte möglich, da viele Bereiche nicht einsehbar wären. Dazu komme, dass durch die Raumaufteilung "der Transport des Bettes aus dem Zimmer" - beispielsweise bei einem Suizidversuch - "stark erschwert oder verhindert" würde und damit lebensgefährliche Verzögerungen eintreten könnten. Und obwohl die Psychiatrie so gut wie neu ist, wurde die Akutstation viel zu klein dimensioniert. In der Expertise wird von einer "Bettenüberbelegung von bis zu fünf Gangbetten" berichtet. Diese stellten aber "eine massive Einbuße der Therapiequalität und ein permanentes Sicherheitsrisiko" dar. Für Gallhofer ist nicht einmal die Farbwahl gelungen.

Personalmangel

Kaum besser fällt Gallhofers Urteil über den Personalstand aus. Dieser widerspreche "den in den entwickelten WHO-Ländern üblichen Standards". Neben der Einstellung eines zusätzlichen Arztes fordert er "zumindest 14 diplomierte Pflegekräfte"; derzeit sind nur 10,5 Pflegestellen vorhanden. Wer für Personalmangel und krasse Fehlplanungen verantwortlich zeichnet, beantwortet das Gutachten nicht.

Aber zumindest auf eine bauliche Sanierung der nagelneuen Akutstation darf nun gehofft werden. Die prominente Salzburger Architektin Ursula Spannberger bestätigte auf Anfrage des STANDARD, von der Klinik mit der Erstellung von "Vorentwürfen" zum Umbau der Station beauftragt worden zu sein. (Thomas Neuhold, DER STANDARD Printausgabe 12.9.2003)

In der Akutstation der Psychiatrie Salzburg wurde eine Patientin nach ihrem Suizid erst einmal gar nicht vermisst. Ein Gutachter bescheinigt der neuen Station schwere architektonische Defizite und Personalmangel.
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.