Kulturschock Heim: Identitätsverlust durch "kasernenartige Struktur"

17. September 2003, 09:37
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58 Prozent der Pflegekunden sterben innerhalb des ersten Jahres nach Übersiedlung ins Heim - Grüne kritisieren

Wien - Die Grünen kritisieren die hohe Sterberate nach dem Antritt des Aufenthalts in Pflegeanstalten.

So würden 14 Prozent der Pflegeheimbewohner im ersten Monat nach der Aufnahme sterben, 33 Prozent in den ersten drei Monaten, 46 Prozent im ersten Halbjahr und 58 Prozent im ersten Jahr. "Das ist ein Hammer", erklärte der Grüne Gesundheitssprecher Kurt Grünewald.

"Kasernenartige Struktur" ist ein Kulturschock

Aus einem vom sozialpolitischen Arbeitskreis der Katholischen Aktion ausgearbeiteten Papier, so Grünewald, gehe ferner hervor, dass 71 Prozent der Pflegeheimbewohner nach zwei Jahren verstorben sind, 90 Prozent nach fünf Jahren. Für den Grünen Gesundheitssprecher sind diese Zahlen ein Zeichen dafür, dass "sich die Heimbewohner selbst aufgeben. Das ist auch ein Kulturschock", weil viele mit der "kasernenartigen Struktur" und der "Gettosituation" schlecht zu Rande kämen.

Psychologische Vorbereitung auf Heimplätze fehlt

Angesichts der Preise von 3.700 Euro (50.000 Schilling) monatlich für einen Pflegeplatz wäre es besser, dieses Geld für mobile Hilfsdienste den Betroffenen zur Verfügung zu stellen. Man könnte damit die Pflege zu Hause billiger gestalten. Grünewald bemängelte auch, dass eine psychologische Vorbereitung auf Heimplätze fehle. "Da rede ich gar nicht von den Pflegefehlern, den Nachlässigkeiten und dem Burn Out."

Übersiedelung geht mit "Verlust der eigenen Identität" einher

In der Studie über die Sterberate nach dem Antritt des Aufenthalts im Pflegeheim heißt es, dass viele Bewohner direkt aus Krankenhäusern ins Heim kämen. Vor der Aufnahme könnten sie ihre Wohnung nicht selber auflösen und sich auch nicht von ihrer bisherigen Umgebung verabschieden. Der Eintritt ins Heim erfolge meist nicht freiwillig, sondern sei eine "Einwilligung in das Unabänderliche". Die Übersiedelung gehe einher mit dem Gefühl des "Verlustes der eigenen Identität" und werde als "Entpersönlichung" erlebt. (APA)

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