Musikrundschau mit Rhythmuswechseln

11. September 2003, 17:16
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Party-Polit-HipHop aus Hamburg, Boogie-Rock aus Texas und betrunkene Blechtrompeter aus der Bukowina

Der beste Party-Polit-HipHop kommt aus Hamburg, lange Bärte und Boogie-Rock gedeihen am besten in Texas - und in der Bukowina werden statt Ecstasy diverse Schnäpse genommen, bevor man in die verbogene Blechtrompete bläst.


BEGINNER
Blast Action Heroes

(Universal)
1998 legte das Trio Absolute Beginner mit seinem zweiten Album Bambule und der Hitsingle Liebeslied nicht nur das bis dato ausgereifteste Statement des deutschsprachigen HipHop vor. Die CD brachte das Hamburger Trio trotz massiver Vorbehalte von Jan Eißfeldt, Denyo und DJ Mad auch in die Teenie-Presse. Nach diversen Soloausflügen (unter anderem Jan Delays hervorragende, politisch codierte Reggae-Platte Searching For The Jan Soul Rebels) haben sich die auf den Bandnamen Beginner verkürzten deutschen Rapper noch einmal weiterentwickelt. Nicht nur, dass die Beats noch ausgefeilter und zwingender geworden sind und auf Tracks wie Wer Bist'n Du? Nina Hagen mit einem unerwarteten Sample aus dem Album Hotel California von den alten US-Westcoast-Rockern Eagles zusammengeführt werden. Die Elektro-Sounds der aktuellen Single Fäule oder City Blues, eine Ode an ihre Heimatstadt Hamburg, präsentieren Beginner auch als gewitzte Texter zwischen Party und Politik. Der gallige Inhalt des Songs Chili-Chil Bäng Bäng, eine Tirade auf SPD-Innenminister Schily und den rechten Hamburger Innensenator Schill, hat sich mittlerweile zumindest in letzterem Fall erledigt. Mit God Is A Music ist Beginner schließlich auch noch eine hübsche Hymne auf ihre Musik gelungen. Gute Sache!

ZZ TOP
Mescalero
(BMG)
Um das gute alte Texas-Rock- und Boogie-Trio mit den langen Bärten, den lustigen Tanzschritten und einigen der besten Rocksongs aller Zeiten (La Grange, Sharp Dressed Men, Legs, Just Got Paid, Gimme All Your Lovin' ...) musste man sich zuletzt öfters Sorgen machen. Uninspirierte, Richtung Selbstplagiat tendierende Live-Auftritte und zunehmend langsamer und langweiliger Richtung Blues-Rock driftende Alben standen an der Tagesordnung. Jetzt haben sich Billy Gibbons, Dusty Hill und Frank Beard hörbar erholt und präsentieren auf Mescalero insgesamt 16 Songs, die zwar auf alte Werte und das Fundament des Blues setzen (siehe auch die Lowell Fulsom-Coverversion Tramp). Dank der Einbeziehung neuerer Produktionstechniken und moderner Knarz-Sounds sowie einer dramatischen Erhöhung des Tempos und des Energie-Levels ist diese CD allerdings die beste Arbeit ZZ Tops seit mindestens eineinhalb Jahrzehnten. Besonders herzergreifend auch die niederschmetternde Wimmer-Ballade Goin' So Good. Wer hier nicht ins Bier weint, hat seinen Kredit beim Stammwirt auf alle Zeiten verspielt.

SHANTEL
Bucovina Club
(Essay Recordings)
Der Musiker und DJ Shantel veranstaltet seit geraumer Zeit am Frankfurter Schauspiel einen regelmäßigen Club, der sich wohltuend vom ansonsten üblichen Dancefloor-Diktat abhebt. Nicht modernistische Club-Sounds werden hier geboten, sondern der zeitlose volksmusikalische Wahnsinn des Balkans. Wodka und Slibowitz statt Ecstasy. Dementsprechend grooven auf dieser Kompilation auch nicht die üblichen Verdächtigen zwischen Downtempo, Minimal Techno und Garage House. Hier regiert der nackte Wahnsinn sturzbetrunkener Turbo-Blasmusiken wie Banda Ionica, Fanfare Ciocarlia oder der ältesten Boyband der Welt, Taraf de Haidouks aus Rumänien. Wer Filme von Emir Kusturica liebt und die Soundtracks von Goran Bregovic, wird hier partymäßig bestens bedient werden.
(DER STANDARD, Printausgabe, 12.9.2003)

Von
Christian Schachinger
  • ZZ TOP Mescalero (BMG)
    foto: bmg

    ZZ TOP
    Mescalero
    (BMG)

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