Kein Tattoo in der Kapsel

10. Mai 2005, 22:09
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Gerade einmal zwei mal einen Meter messen die Schlafkojen in Tokios Capsule Hotels. Martin Amanshauser wagte einen Selbstschlafversuch

Tokio ist reich an Hotel-Genres. Zunächst das klassische Ryokan mit seinen Futons, den Tatamimatten, dem Gratistee. Weiters das stundenweise mietbare Love-Hotel, meist mit plüschigem Schlafeck und Pseudomarmor im Badebereich. Der kleine Geschäftsmann bevorzugt das Businesshotel, billige Alternative zur internationalen Absteige, die sich in nichts, außer vielleicht im Preis, von denen im Westen unterscheidet.

Doch was macht der noch kleinere Geschäftsmann? Wo schläft der Pendler, der den letzten Zug nach Yokohama versäumt? Der Bordellgast, der aus Begeisterung die Zeit übersieht? Der Besoffene, in der eigenwilligen Verkehrssprache Japans ein "dead drunk"? Ganz einfach. Sie gehen in die Kapsel. Denn im Reich der plastikverschalten Kojen, in denen gerade Platz genug ist für die Matratze und einen an der "Decke" montierten Fernseher, gibt es keinen Curfew.

Auf einem Raum von zwei mal einem Meter kommt natürlich erst, wenn man die Jalousie runtergelassen hat, eine gewisse herbe Idylle auf. Was für eine! Außer den manchmal eindeutigen Geräuschen der Nachbarn ist man zwischen den schlafenden Körpern der Mitbewohner ganz auf sich selbst gestellt, ein Höhlenmensch in seiner winzigen privaten Höhle.

Westliche Gäste sind im "Capsule Hotel" gerne, aber doch extrem selten gesehen. Das liegt nicht etwa an den ziemlich rigiden Antimafia-Aufnahmebedingungen ("Persons with tattoos are not admitted, anyone with tattoo or seal-tattoo will be requested to leave"), sondern wohl an kulturellen Berührungsängsten.

Kapselzentren wie das "Green Plaza" im Vergnügungsdistrikt Shinjuku setzen auf sanfte Öffnung, was man an den zweisprachigen Fotokopien mit den Verhaltensregeln erkennt. Leider sind die wenigsten für Frauen geöffnet - Capsule World ist klassische Männersache, und wenn man von diesem Abenteuer erzählt, tun junge japanische Frauen das, was man erwartet - sie kichern.

Die Kunst der richtigen Kapselbenutzung basiert auf der Kenntnis der Verhaltensweisen. Zum Beispiel darf man nicht direkt zur Rezeption rennen. Zuerst sperrt man seine Schuhe in einen Schuh-Locker, mit dessen Schlüssel begibt man sich zum Check-in. Man verstaut sein Gepäck beim Baggage-Locker und kriegt im Austausch einen weiteren Schlüssel für den Kleidungsspind.

Sobald Kleidung und persönliche Dinge weggelockt sind, ist man als echter Kapselmensch fortan nur noch in den eigens zugeteilten hellblauen Saunashorts und im Bademantel unterwegs, dazu kommt ein gelbes Frotteehandtuch zur Bedeckung der Schamstellen im Duschbereich.

Ausstaffiert als beinahe echter Japaner ist es nun auch dem Westzombie möglich, die Annehmlichkeiten des Hauses zu genießen, Massagen, Sauna, diverse ultraheiße Bäder stehen zur Verfügung. Im Gemeinschaftsraum betrachtet man auf Lederfauteuils bei Kirin, Sapporo oder süßem Calpis mit Soda die TV-Übertragung von Sumokämpfen. Auch der gelbgrüne Tee wird ausgeschenkt, allerdings nicht, wie in vornehmeren Lokalitäten üblich, mit Sanduhren zur Messung der Ziehzeit.

Die Bademantelherren vertiefen sich in Mangas und Zeitschriften, und weil Japaner von oben nach unten lesen, ergibt sich (im Gegensatz zum Europäer, der beim Lesen tendenziell den Kopf schüttelt) der angenehme Effekt, dass ein dauerndes leichtes Nicken die Lektüre begleitet.

Bevor man sich zur Nachtruhe begibt, stehen im Duschraum One-Way-Zahnbürsten zur Verfügung. Einige Küchenschaben rennen etwas orientierungslos durchs Waschbecken, aber keine Angst! Diese Schäbchen haben, weil ja in der Kapselwelt alles um eine Dimension kleiner ist, höchstens Sacharin-Größe.

Irgendwann geht dann jeder zu seiner Kapsel zurück, lässt den Rollladen runter und dreht das Licht aus. Und es ist gemütlich! Kann sein, dass die letzte Szene vor dem Einschlafen mit der ersten Traumszene verschmilzt, in der man sich nach erledigtem Tagwerk, alleine in der Kapsel, fast schon auf halbem Weg zum Mond, die hellblauen Shorts auszieht und mit Verblüffung bemerkt, dass man ja doch ein Tattoo hat. (Der Standard/rondo/12/09/2003)

Martin Amanshauser, geb. 1968, lebt in Wien, www.amanshauser.at. Zuletzt erschienen: "NIL", Roman, 2001; "100.000 verkaufte Exemplare", Gedichte, 2002 (beide im Deuticke Verlag).
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