Pressestimmen: "Der große Satan wehrt sich"

11. September 2003, 20:02
1 Posting

"Washington braucht geschicktere Diplomatie" - "Damoklesschwert des Terrorismus droht heute überall"

London - Eine gemischte Bilanz ziehen international die Zeitungen am heutigen Donnerstag zum zweiten Jahrestag der Terroranschläge des 11. September 2001 in New York und Washington. Die linksliberale britische Zeitung "The Guardian" schreibt, dass US-Präsident George W. Bush nach den Anschlägen eine schlimme Situation noch schlimmer gemacht. Der konservative "Daily Telegraph" sieht den nach den Anschlägen begonnenen Krieg gegen den Terrorismus dagegen als Erfolg, während die "Washington Post" von den USA eine geschicktere Diplomatie fordert.

"The Guardian":

"Am 11. September 2001 wurde die Regierung Bush mit der existenziellsten Herausforderung konfrontiert, der sich eine US-Regierung seit Pearl Harbor oder vielleicht sogar in der gesamten Geschichte der Republik seit dem Bürgerkrieg gegenübergesehen hat. Nun, zwei Jahre später, muss das Urteil bedauerlicherweise lauten, dass die Regierung versagt hat. Es gab Erfolge, ja, doch unter dem Strich hat George Bush eine schlimme Situation noch schlimmer gemacht.

Amerika braucht einfach bessere und weniger ideologische Leute an der Spitze. Donald Rumsfeld, Paul Wolfowitz und Condoleezza Rice, deren Einschätzungen sich wiederholt als falsch erwiesen haben, sollten ihrer Ämter enthoben werden. Und wenn sich die Dinge in einem Jahr nicht dramatisch zum Besseren verändert haben, sollte Bush erst gar keine zweite Amtszeit anstreben."

"The Daily Telegraph":

"Weit davon entfernt zusammenzubrechen, hat der "Große Satan" in den vergangenen beiden Jahren außerordentlichen Mut und große Entscheidungsstärke bei der Abwehr der apokalyptischen Bedrohung bewiesen. Diese Qualitäten traten schon beim Umgang mit den Terroristen in dem dritten gekaperten Flugzeug zu Tage. Sie zeigten sich, als die Feuerwehrleute zur Rettung der Eingeschlossenen in die brennenden Türme eilten. Und als sich der Staub erst einmal gelegt hatte, bewies Amerika seine um die ganze Welt reichende Fähigkeit zur Vergeltung. Innerhalb eines Monats waren die Amerikaner in Afghanistan einmarschiert. Die Taliban wurden entmachtet und El Kaidas Operationen teilweise zerschlagen. Auf diesen ersten Schlag folgte die Invasion des Iraks und der Sturz Saddam Husseins, was ohne die Anschläge auf die Zwillingstürme unvorstellbar gewesen wäre.

Der 11. September hat ein Land wachgerüttelt, dessen Sicherheitsvorkehrungen viel zu lasch waren. Er hat Amerika und seine Verbündeten dazu gebracht, ihre Anti-Terror-Gesetze zu verschärfen. Die Tatsache, dass es in den vergangenen beiden Jahren keinen großen Terroranschlag in einem westlichen Land gegeben hat, beweist, wie wirkungsvoll diese Maßnahmen gewesen sind."

"Washington Post":

"Bis Sonntagnacht war die Vision von Präsident Bush bei der Beschreibung seiner Afghanistan- und Irak-Politik deutlicher als seine Strategie. Aber seine düstere Rede an die Nation und eine frühere Entscheidung, eine stärkere Beteiligung der Vereinten Nationen im Irak zu suchen, zeigen ein neues und ein konzentrierteres Denken im Weißen Haus. (...)

Die Welt beginnt, die Veränderungen, die das entschiedene amerikanische Vorgehen nach dem 11. September hervorgerufen hat, wahrzunehmen und sich an diese anzupassen. Das ist ein Moment, in dem diszipliniertere politische Führung und eine geschicktere Diplomatie von Washington Erfolg bringen kann und betrieben werden sollte."

"Le Monde":

"Allein können die USA "die Welt nicht sicherer für die Demokratie machen", um ihren Präsidenten Woodrow Wilson mit einer Äußerung von 1917 zu zitieren. Sie müssen ihren Verbündeten zuhören, Unterschieden in den politischen Gegebenheiten dort, wo sie eingreifen, Rechnung tragen sowie jene internationalen Regeln respektieren, die sie doch selbst mit verordnet haben. Die Bilanz der beiden Jahre seit dem 11. September 2001 gleicht einer Erinnerung an all diese Grundsätze."

"Le Figaro":

"Die Verteidigung der Demokratie, die die Amerikaner der finsteren Gewalt entgegenhalten wollen, genügt nicht, die Verbündeten zu mobilisieren. Das ist also ganz anders als bei der einheitlichen Front gegen die sowjetische Gefahr damals. Und das liegt daran, dass Europa den israelischen Regierungschef Ariel Sharon nicht blind unterstützen will. Auch fürchten Frankreich und Deutschland, die Intervention gegen Saddam Hussein könnte die Region auf Dauer destabilisieren. Und mögliche US-Partner in Afrika und Asien klagen über Egoismus des Weißen Hauses Belangen der Dritten Welt gegenüber.

US-Präsident George W. Bush ist es also nicht gelungen, alle hinter sich zu scharen. Es kann in der Frage dennoch keine neutrale Haltung geben. Denn die Terroristen des Islam haben nicht nur Amerika im Visier. Es ist der Westen, dem sie den Krieg erklärt haben."

"L'Humanite":

"Im Namen des - legitimen - Kampfes gegen den Terrorismus haben sich US-Präsident George W. Bush und seine Mannen im Weißen Haus zur Weltpolizei erklärt und sich die Rolle der Propheten des "Guten" und des "Bösen" verliehen (obwohl das Problem mit den Propheten ist, dass man nie die richtigen von den falschen unterscheiden kann). Sie haben in der Frage der irakischen Massenvernichtungswaffen weltweit eine Lüge verbreitet, die einfachsten Regeln und höchsten Instanzen der internationalen Gemeinschaft verhöhnt sowie den Irak überfallen und ihn besetzt. Die Folgen sind katastrophal."

"Iswestija":

"Die Politik der USA hat in den zwei Jahren seit dem 11. September viel geschafft. In dieser kurzen Zeit die Anti-Terror-Koalition zu zerstören (und die NATO gleich mit) und sich selbst (mit Freund Blair und ein paar osteuropäischen Satellitenstaaten) zu isolieren und zu erreichen, dass von El Kaida und Bin Laden nur noch mit äußerster Ironie geredet wird, und - als Hauptsache - das Gefühl aufrichtiger Solidarität zu zerstören, das die ganze westliche Welt damals beim Anblick der brennenden Türme in New York empfand - das muss man erst mal hinkriegen."

"Kommersant":

"Ungeachtet aller Anstrengung, aller Deklarationen und Resolutionen und aller im Kampf gegen den Terrorismus aufgewendeten Milliarden ist die Welt nicht sicherer geworden. Eher im Gegenteil. Die Damoklesschwert des Terrorismus droht heute überall, selbst in den entlegensten Winkeln. Je aktiver der Kampf, desto mehr Terrorismus gibt es. (...) So paradox es klingen mag, aber der heutige Kampf gegen den Terrorismus macht die Welt immer unsicherer. Er ist ein in jeder Hinsicht teures Unterfangen und völlig sinnlos. Irgendetwas stimmt mit diesem Kampf nicht. Sind vielleicht die Anführer oder die Methoden nicht die richtigen?"

"Algemeen Dagblad":

"Mit Zustimmung vieler Länder hat der amerikanische Präsident mit ungekannter Schärfe einen Krieg gegen den Terrorismus begonnen, der bisher aber nicht das erwünschte Resultat gezeigt hat. Entgegen den offiziellen Behauptungen, dass es seitdem sicherer geworden sei, grassiert an vielen Stellen die Angst vor neuen Anschlägen. (...) Die Regierung Bush hat den enormen Kredit, auf den die angeschlagenen USA im Herbst 2001 überall rechnen konnten, im Schnellzugstempo durch ihren hegemonistischen Ton und Kurs verspielt.

"Wer nicht für uns ist, ist gegen uns", wendet sich jetzt gegen die Neo-Konservativen um Bush. (...) Für den Sieg im Krieg gegen den Terrorismus haben sich militärische Mittel als ungeeignet erwiesen. Solange man das nicht begreift, werden weiter Soldaten in den Irak geschickt, leider ohne die Aussicht auf ein bevorstehendes Ende."

"Nepszabdsag":

"Der Feind ist praktisch unfassbar. Der El-Kaida-Organisation wachsen trotz der gegen sie geführten Militärschläge wie einer Hydra immer neue Köpfe. Der Terrorismus stellt immer noch die größte aller Gefahren dar. Dazu trugen auch Bushs Strategie und Taktik bei, sofort und global gegen den Terrorismus einzuschreiten, auch unter Umgehung der Verbündeten und der UNO, des weiteren seine Rhetorik und sein Glaube an die Unbegrenztheit der eigenen militärischen und wirtschaftlichen Mittel, und nicht zuletzt der Krieg im Irak. Für die Fehler des Weißen Hauses muss Amerika bezahlen, aber auch die Welt wird dafür zahlen müssen. Um seine Feinde zu bezwingen, muss Washington zuerst die vergraulten Freunde zurückgewinnen."

(APA/Reuters)

Share if you care.