Verschobene Gewichte in der amerikanischen Gesellschaft

12. September 2003, 22:14
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Je weiter der 11. September 2001 in die Vergangenheit zurückrückt, umso lauter wird auch die Kritik an Aposteln der inneren Sicherheit wie etwa Justizminster John Ashcroft

9/11 hat die Vereinigten Staaten tief greifend und nicht immer zum Besseren verändert, auch wenn sich die schlimmsten Befürchtungen - panische Massenhysterie, totaler Überwachungsstaat - nicht bewahrheitet haben.

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Hemdsärmeliger Pragmatismus, Skepsis gegenüber jeder Art von Autorität (namentlich der staatlichen) und eine überwiegend optimistische Weltsicht (die freilich oft an den Grenzen des Landes Halt macht): Das dürften - bei aller gebotenen Vorsicht gegenüber unzulässigen Stereotypisierungen - einige der Wesenszüge sein, die dem Homo americanus wahrscheinlich nicht zu Unrecht zugeschrieben werden. Wie haben sich die traumatischen Ereignisse des 9. 11. 2001 auf die nationale Psyche der Amerikaner und ihre Gesellschaft ausgewirkt, welche Bilanz lässt sich zwei Jahre nach jenem historischen Schockmoment ziehen, da Mohammed Atta, der erste Bomber, in den Nordturm des World Trade Centers krachte?

An Mahnern, die davor gewarnt haben, dass sich 9/11 und überzogene Reaktionen darauf zu einer Gefahr für die US-Demokratie und Gesellschaft auswachsen könnten, hat es nie gemangelt, gleichgültig, ob sie nun auf der linken oder rechten Seite des politischen Spektrums angesiedelt waren. Das ist ein ermutigendes Zeichen für eine offene Gesellschaft, für die Kritik überlebensnotwendig ist. Auch wenn (wie unlängst vom genialen Singer/Songwriter Randy Newman in einem STANDARD-Interview) immer mal wieder der Verdacht artikuliert wird, Bush habe sich im Gefolge der Anschläge zum Autokraten, Diktator, Despoten oder Tyrannen aufgeschwungen, funktioniert die Gewaltenteilung in der USA immer noch, ist die gesellschaftliche Korrekturfunktion der Medien immer noch intakt, werden Politiker (Hallo Arnie!) immer noch gewählt und nicht im Notverordnungsverfahren ernannt.

Undurchsichtige Verwaltung

In drastisch überspitzter Form trifft das Wort von der staatlichen Tyrannei freilich doch einen wunden Punkt, einen zentralen gesellschafts- und demokratiepolitischen Post-9/11-Punkt, wenn man so will. Dass es in der subtilen Balance zwischen Exekutive, Judikative und Legislative eine Gewichtsverschiebung zugunsten der Ersten gegeben hat, lässt sich ebenso wenig abstreiten wie die Bereitschaft der Regierung Bush, aus den nationalen Sicherheitserfordernissen auch parteipolitisches Kleingeld zu schlagen. Die Durchschaubarkeit des staatlichen Verwaltungshandelns ist vor allem aufgrund des ominösen "Patriot Act", der unmittelbar nach den Anschlägen mit einer an Nötigung grenzenden Direktheit durch den Kongress geboxt wurde, erheblich eingeschränkt worden.

Auch die Rechtssprechung hat Schaden genommen: Die auf Guantánamo eingerichteten Terroristenkäfige und militärische Geheimtribunale mit unfairen Spielregeln, die stets zulasten des Angeklagten gehen, sind, wie auch der britische Economist wiederholt beklagt hat, ein vollkommen systemfremdes Element in der US-Gerichtsbarkeit, das schleunigst beseitigt gehörte. Auf viele Probleme, an denen die US-Gesellschaft sonst laboriert, hatte der 11. September zwar keine oder nur indirekte Auswirkungen - doch die Gelder, die George W. Bush in die Terrorbekämpfung (und dazu zählt für ihn auch die kostspielige Besatzung des Irak) gepumpt hat und weiterhin pumpen will, werden den USA selbst schmerzlich abgehen. Howard Dean, einer der chancenreichsten demokratischen Herausforderer von Bush, hat in dieser Woche schon auf die nationale Pauke gehauen und gemeint, ehe man sich um die Spitäler im Irak sorge, solle man sich erst um die Versorgung der Amerikaner kümmern.

Nationale Geschichte

Auf der Seite der Zivilgesellschaft ist festzuhalten, dass die - durchaus realistische - Angst der Amerikaner vor neuen Anschlägen nie Ausmaße angenommen hat, dass sie in eine veritable Hysterie oder Massenpanik umzuschlagen drohten, aus der heraus es wirklich ans Eingemachte der demokratischen Grundprinzipien gegangen wäre.

Umfragen, die belegten, dass es die Amerikaner nach dem totalen Überwachungsstaat gelüstete, gibt es nicht, im Gegenteil, je weiter 9/11 in die Vergangenheit zurückrückt, umso kritischer sind die Fragen, die den Aposteln den inneren Sicherheit wie etwa Justizminister John Ashcroft gestellt werden: Als Ashcroft in der vergangenen Woche eine Art nationale Werbefahrt unternahm, auf der er auf die Segnungen des "Patriot Act" hinweisen wollte, musste er sich von den meisten Medien ätzende Kritik gefallen lassen. Das zeigt, dass sich in den USA auch nach 9/11 nicht alles politisch verkaufen lässt, was mit dem Label "Sicherheit" versehen ist. Auch der von der überwiegenden Mehrzahl der Amerikaner getragene gesellschaftliche Konsens, dass das Land ein Einwanderungsland sei, ist unbeschädigt, wenngleich das Leben für ausländische Studenten gewiss nicht einfacher geworden ist.

Fraglich ist, ob es der amerikanischen Gesellschaft schon gelungen ist, den 9. 11. 2001 auf eine sinnstiftende Art in die nationale Historie zu inkorporieren, als Bestandteil einer jener Geschichten, die, wie etwa Pearl Harbour, das ewige Motiv von "per aspera ad astra" variieren und dem Geschehen wenigstens ein wenig von seiner Grausamkeit nehmen, indem sie es in den tröstlichen Rahmen einer Geschichtsphilosophie fassen, in der sich trotz aller Rückschläge alles immer zum Besseren wendet. Auf das große Epos des 11. Septembers werden wir wohl noch warten müssen. (Christoph Winder/DER STANDARD, Printausgabe, 11.9.2003)

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