Dem Patriarchen schlägt die Stunde

12. September 2003, 21:51
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Die Fahndung nach einem der reichsten Familienclans in der Türkei läuft auf Hochtouren

Istanbul - "Wo sind die Uzans?", ist derzeit die in den türkischen Massenmedien am häufigsten gestellte Frage. Eine Antwort darauf hätte auch gerne die Staatsanwaltschaft, die seit zwei Wochen nach dem 72 Jahre alten Patriarchen Kemal Uzan und anderen Angehörigen einer der reichsten Familie der Türkei fahnden lässt. Bislang ohne Erfolg. Gerüchteweise sollen sie sich in Nordzypern oder Jordanien versteckt halten, doch offiziell sind sie verschwunden.

Clan galt bis kurzem noch als "unantastbar"

Die Fahndung ist der bisherige Höhepunkt in einer Abrechnung des Staates mit einem Clan, der bis kurzem noch als "unantastbar" galt. Wirtschaftsanalysten rechnen die milliardenschweren Uzans zu den fünf reichsten Familien der Türkei, doch der Clan verfügt nicht nur über Geld, sondern kontrolliert auch den zweitgrößten Medienkonzern und das zweitgrößte Handynetz des Landes.

Partei zugelegt

Darüber hinaus hat sich einer der beiden Uzan-Söhne, Cem Uzan, im letzten Jahr eine Partei zugelegt. Diese erlebte, mithilfe des Geldes des Clans, binnen Monaten einen kometenhaften Aufstieg und scheiterte bei den Wahlen im November nur knapp an der Zehn-Prozent-Hürde. In Umfragen liegt die Partei heute bei 15 Prozent und ist damit im rechtspopulistischen, konservativen Lager zum schärfsten Konkurrenten der regierenden AKP geworden.

Gegner Erdogan

Das, so behauptet der Uzan-Clan, sei auch der Grund für die "staatliche Verfolgung", der sie sich ausgesetzt sähen. "Tayyip Erdogan", der türkische Ministerpräsident, "will unsere Familie zerstören", behauptete Cem Uzan kürzlich in einem Time-Interview. Alles Unsinn, sagen die Behörden. Man sei lediglich gegen Gesetzesverstöße bei Uzan-Unternehmen vorgegangen.

Monopol bei der Stromversorgung

Der Showdown des Uzan-Imperiums begann im Juni, als das Energieministerium den Beschwerden vieler Kunden nachgab und den Uzans die Lizenz für das Betreiben zweier großer Kraftwerke wegen wiederholter Verstöße gegen die Lizenzbedingungen entzog. Die Kraftwerke haben ein Monopol bei der Stromversorgung des südtürkischen Industriegebietes um Adana und Mersin und gehörten zu den Gelddruckmaschinen der Unternehmensgruppe.

Zahlungsschwierigkeiten der hauseigenen Clan-Bank

Die Folge davon war, dass die hauseigene Bank des Clans, die "Imar Bank" in akute Zahlungsschwierigkeiten geriet und daraufhin im Juli unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt wurde. Ende Juli verurteilte dann zu allem anderen Ungemach auch noch ein New Yorker Gericht die Uzans zu einer Rekordstrafe von über vier Milliarden Dollar, weil sie die beiden Mobilfunkkonzerne Motorola und Nokia um zwei Milliarden Dollar betrogen haben sollen.

Haftbefehle

Die Haftbefehle gegen den Firmenpatriarchen Kemal Uzan, dessen Bruder Yusuf und gegen Sohn Hakan wurden ausgestellt, nachdem diese mehrere Aufforderungen der staatlichen Bankenaufsicht, zu Vernehmungen über die Imar-Bank zu erscheinen, ignoriert hatten. Vor dem Zugriff der Polizei verschwanden sie im Hubschrauber vom Dach ihrer Firmenzentrale. Lediglich Cem Uzan, Vorsitzender der Gen¸c-Parti (Jugend-Partei) und Chef der Mediengruppe des Clans hält in Istanbul noch die Stellung.

Familienimperium

Wenn auch die Konkurrenz zwischen der AKP Tayyip Erdogans und der Gen¸c-Parti der Uzans den Verdacht nahe legt, das Vorgehen gegen das Familienimperium sei politisch motiviert, sind die Dinge doch komplizierter. Die Uzans legten sich immer wieder mit dem Medienkonzern Nummer eins, den Dogan-Medien, an.

Auslöser des Vorgehens

Deren Chef, Aydin Dogan, ist wohl der eigentliche Auslöser des Vorgehens gegen die Uzans. Nach dem erdrutschartigen Sieg der AKP im letzten November war es die Dogan-Gruppe, die sich am schnellsten neu orientierte und sich der Mannschaft um Tayyip Erdogan andiente. Jetzt fährt Dogan, dessen Geschäftsgebaren sich von dem der Uzans nur unwesentlich unterscheidet, den Lohn für sein Risiko ein, die AKP-Regierung rechtzeitig unterstützt zu haben. (Jürgen Gottschlich aus Istanbul,DER STANDARD Printausgabe 11.9.2003)

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    Cem Uzan - kometenhafte Karriere durch Geldes des Familien-Clans

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