Jerusalem: Biblischer Tunnel wissenschaftlich datiert

15. September 2003, 12:55
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Stollen wurde im Jahre 700 vor Christus durch den Ophel-Berg getrieben

London - Der in der Bibel erwähnte Hiskia-Tunnel in Jerusalem ist erstmals wissenschaftlich zuverlässig datiert: Mit hochmodernen chemischen Analysen von Materialproben aus dem 533 Meter langen Tunnel konnte nachgewiesen werden, dass der Stollen in der Zeit um 700 vor Christus durch den Ophel-Berg getrieben wurde.

Die Ergebnisse, die in der jüngsten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Nature" veröffentlicht werden, decken sich mit den biblischen Berichten über König Hiskia aus dem Alten Testament. Demnach wurde der Tunnel während der kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Assyrerkönig Sanherib gebaut. Der Hiskia-Tunnel in der Nähe des Tempelbergs in der Jerusalemer Altstadt kann bis heute besichtigt werden und wird noch immer von Wasser durchflutet.

Versorgungsmaßnahme

Im Alten Testament wird an zwei Stellen erwähnt, Hiskia (der lateinisch Ezechias und hebräisch Hezechiah genannt wird) habe den Tunnel errichten lassen, um bei der Belagerung durch Sanheribs Truppen die Stadt mit Wasser zu versorgen. Von der Gihonquelle floss das Wasser durch den Tunnel zum bis heute erhaltenen Siloam-Becken.

Hiskia war in der Zeit zwischen 727 und 698 König von Judäa. Israelische Wissenschaftler bohrten die Tunnelwände an und fanden in den alten Schichten Knochen-, Holz- und Kohlepartikel sowie Pflanzenreste, die mit der Radiokarbonmethode wissenschaftlich datiert wurden. Die Untersuchungen an der Universität Oxford ergaben für die Holzpartikel eine Zeitspanne zwischen 822 und 796 vor Christus, für die Pflanzenreste zwischen 790 und 540 vor Christus.

Bestdatiertes Zeugnis der Eisenzeit

"Unsere Daten stimmen mit den üblichen Angaben über König Hiskia überein", erklären die Forscher Amos Frumkin von der Hebräischen Universität Jerusalem, Aryeh Shimron von der Geologischen Gesellschaft Israels und Jeff Rosenbaum von der südenglischen Universität Reading. Durch die übereinstimmenden Erkenntnisse aus der naturwissenschaftlichen und historischen Forschung rücke der Hiskia-Tunnel nun zum "bestdatierten" Zeugnis aus der biblischen Eisenzeit auf.

Der Tunnel ruft bei Ingenieuren bis heute Bewunderung hervor. Er wurde mit den primitiven Werkzeugen der Antike durch den Berg gegraben, ohne dass es einen Versorgungsschacht für Luft, Licht und Nahrung gegeben hätte. Laut einer 1880 gefundenen Inschrift gelang es den Steinhauern, die den Tunnel von beiden Seiten aus gleichzeitig vortreiben, zielgerichtet in der Mitte zusammenzutreffen. (APA/AFP)

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