Pflege-System steht an der Kippe

15. September 2003, 13:06
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Doppelt so viele Pflegebedürftige, aber nur mehr halb so viele, die diese Pflege leisten könnten - so das Szenario für den Pflegebedarf bis 2040

Wien - "So schlecht wie nur irgend denkbar" sei Österreich auf den steigenden Pflegebedarf vorbereitet. Derart drastisch schätzt Pflegewissenschafterin Elisabeth Seidl die Pflegesituation angesichts jahrelanger Versäumnisse durch die verantwortlichen PolitikerInnen ein: Fast nichts sei geschehen - und das seit Jahrzehnten, kritisiert die Leiterin der Abteilung für Pflegeforschung in Wien, die zum Institut für Pflege- und Systemforschung der Uni Linz gehört.

Für Seidl ist der nun bekannt gewordene Pflegeskandal in Wiener Altenheimen ein warnendes Symptom für die vor dem Zusammenbruch stehenden Versorgungsstrukturen für alte, pflegebedürftige Menschen: "Das System steht an der Kippe", sagt sie im STANDARD-Gespräch, "und die Politiker machen gar nichts."

Seit den Mordfällen in Lainz "hat sich fast nichts verändert", empört sich Seidl, damals selbst Mitglied in der internationalen ExpertInnenkommission: "Noch immer zu große Heime, Mehrbettzimmer und zu wenig Qualifizierungsangebote für das Personal."

Nur 20 Prozent öffentlich betreut

Und die Situation spitzt sich zu: Die Zahl der Menschen, die schwere oder leichte Pflege brauchen, wird sich bis 2040 verdoppeln. Das pflegerische "Unterstützungspotenzial" wird sich hingegen im gleichen Zeitraum halbieren, warnt Seidl vor einem Pflegekollaps. Verschärfend kommt hinzu, dass in Österreich 80 Prozent der Pflegebedürftigen in Privathaushalten versorgt werden (derzeit 570.000) - zum überwiegenden Teil von Frauen. Nur 20 Prozent werden öffentlich betreut.

"Dieses Potenzial haben wir nicht mehr lange", erinnert Seidl an sinkende Geburtenraten. Heute beträgt die "intergenerationelle Unterstützungsrate" 4,9 Personen für einen über 80-Jährigen. 2040 werden nur noch 2,2 potenzielle Pflegepersonen pro Hochbetagtem zur Verfügung stehen.

Österreich sei extrem schlecht auf diese Aufgaben vorbereitet, kritisiert die Pflegewissenschafterin. Im EU-Vergleich schneide man besonders schlecht ab, ja man sei sogar "schlechter als die Länder im Osten", kritisiert Seidl die Weigerung von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (VP), endlich Pflegewissenschaft als akademisches Fach an den Unis zuzulassen, denn: "Das Wichtigste ist die Bildung", davon profitierten Betreute wie BetreuerInnen, die unter extremem Druck arbeiten und "oft selbst daran zerbrechen", fordert Seidl Anerkennung für die Pflegeberufe.

In Österreich arbeiten diese unter besonders großem Druck: Hier kommen auf tausend EinwohnerInnen nur 5,6 diplomierte Pflegepersonen, in Belgien sind es fast doppelt so viele (10,8). Auch Deutschland liegt mit 9,5 PflegerInnen pro 1000 Personen wesentlich besser.

Etwas Wesentliches habe Deutschland Österreich noch voraus: "Dort funktioniert seit der letzten Gesundheitsreform das Zusammenspiel von ambulanter und stationärer Versorgung. Bei der ambulanten Pflegeversorgung und Prävention sind wir europaweit die Schlechtesten."

Vor dem runden Tisch zur Gesundheitsreform am Donnerstag fordert Seidl eine "Reform, die alle präventiven, ambulanten und häuslichen Pflegemaßnahmen einsetzt, damit wir nicht in die Katastrophe hineingeraten."

Grünen-Gesundheitssprecher Kurt Grünewald kritisierte, dass die "Politik unter sich" bleibe, wichtig wäre "gesundheitspolitische Expertise". (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Print, 11.9.2003)

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