Bush in der Klemme

19. September 2003, 18:21
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Zwei Jahre nach dem verheerenden Terroranschlag und vier Monate nach seiner triumphalen Ankündigung des Abschlusses der "größeren Militäroperationen" im Irak steht Präsident Bush vor einem politischen Trümmerhaufen - Kolumne von Paul Lendvai

Alle Umfragen in den Vereinigten Staaten lassen eine sinkende Popularität Bushs und auch einen Rückgang der Zustimmung zum Irak-Krieg erkennen. Zwei Jahre nach dem verheerenden Terroranschlag und vier Monate nach seiner triumphalen Ankündigung des Abschlusses der "größeren Militäroperationen" im Irak steht Präsident Bush vor einem politischen Trümmerhaufen. Nicht nur seine Politik, sondern vor allem seine Rhetorik haben ihn und seine engsten Mitarbeiter von der Weltöffentlichkeit isoliert und eine stets wachsende Zahl der eigenen Landsleute enttäuscht. Die außenpolitische Strategie der Vereinigten Staaten müsse "frei von Entschuldigungen, idealistisch und gut finanziert sein. Amerika darf nicht nur der Polizist oder der Sheriff der Welt sein, es muss auch ihr Leitstern und Führer sein." So formulierten zwei prominente, neokonservative Journalisten Lawrence Kaplan und William Kristol vor einiger Zeit in ihrem Buch "The war over Iraq" die Linie der Bush-Administration.

Mit einer oft atemberaubenden Ignoranz haben die Bush-Leute den gerechtfertigten Kampf gegen den internationalen Terrorismus in eine nach Belieben betriebene "Weltmission" umfunktioniert. Die Blitz-Kriege in Afghanistan und Irak wurden gewonnen, aber statt der Liquidierung der Netzwerke des Terrors von Bagdad bis Jerusalem wurde die bisherige Grundlage der transnationalen Zusammenarbeit, ja der westlichen Allianz, fast zerstört. Historiker, Publizisten und Psychiater werden erst später feststellen können, wie weit die Persönlichkeit des wiedergeborenen Christen George W. Bush zur Isolierung der einzigen Weltmacht beigetragen hat.

Trotz Warnungen von weit blickenden Zeithistorikern wie Joseph S. Nye, allein auf das Militär und dessen Problemlösungskapazität zu setzen, versprachen Bush, Vizepräsident Cheney und Verteidigungsminister Rumsfeld immer wieder durch drückende Überlegenheit des US-Militärapparates eine schnelle Durchsetzung ihres politischen Willens im Irak und auch im Nahen Osten. Die Gefahr, dass der gewonnene Krieg in einer politischen Niederlage endet, führte nun zu einem Hilferuf an die Vereinten Nationen. Bushs Ton war aber noch immer so hochmütig, dass die New York Times von einer etwas dreisten Aufforderung sprach, gemessen an der Art und Weise, wie Bush sich vor dem Krieg über die Bedenken anderer Staaten hinweggesetzt hat.

Verteidigungsminister Rumsfeld hat sogar in seiner unnachahmlichen Art die Kritiker gewarnt, dass sie dadurch die Feinde der USA, die Terroristen, ermutigen. Zugleich muss man freilich betonen, dass die Vereinigten Staaten immer die wichtigste Zielscheibe jener Feinde der freien Welt bleiben werden, die den Untergang der erfolgreichen und mit Marktwirtschaft und Demokratie untrennbar verbundenen internationalen Gemeinschaft herbeiführen möchten. Deshalb ist die von Bush vertretene und symbolisierte "Geopolitik der Emotionen" (Pierre Hassner) so gefährlich. Die in so vielen europäischen Zeitungen und Erklärungen zutage getretene "tägliche Schadenfreude" über die Probleme und Verstrickungen der amerikanisch-britischen Politik könnte nämlich zu noch gefährlicheren Gegenreaktionen und einer Abwendung der Amerikaner von den "zynischen und egoistischen" Europäern führen.

Bush hat seine Wahl-Kampagne stärker denn je an den Erfolg seiner Irak-Politik geknüpft. Es geht aber um viel mehr; um die Glaubwürdigkeit und Handlungsfähigkeit der USA. Die Illusion der Allmacht könnte sich als größere Gefahr als die Bedrohung durch terroristische Verbrecher entpuppen. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.9.2003)

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