Die Zerstörung der Geborgenheit

14. September 2003, 20:26
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Die Anschläge vom 11. September haben die Wirtschaft überraschend wenig gekostet - doch mit einiger Verzögerung gewaltig verändert

Es hängt oftmals vom Ort der Geburt ab, ob Globalisierung als neutrale Vernetzung von Unternehmen, Märkten und Finanzströmen wahrgenommen wird, die Wohlstand bringt - oder als "Modernisierung des aggressiven Kapitalismus", als wachsende Dominanz westlicher Wertvorstellungen, Ideologien und Medien - Letzteres zumeist in den Ländern, in denen Terroristen mit ihren Organisationen eine Heimat gefunden haben.

Die Globalisierung der Wirtschaft hat die Rahmenbedingungen für den 11. September geschaffen - und wurde durch die Terroranschläge selbst grundlegend verändert. Diese These, von den Wirtschaftsexperten Craig Calhoun, Paul Price und Ashley Timmer in ihrem Buch über den 11. September aufgestellt, bestätigt sich täglich.

Globalisierte Katastrophen

CNN - auch eine Art der Globalisierung - verbreitete die schrecklichen Bilder in alle Welt. Mit einem einzigen Schlag stürzten auch in den Wohnzimmern Sicherheit und Vertrauen ein - von Boston bis Tokio, von Moskau bis Rio, von Sydney bis London. Der direkte materielle Schaden durch die Anschläge war verhältnismäßig gering. Der Wirbelsturm "Andrew", der Florida verwüstete, hatte deutlich mehr Einfluss auf die US-Wirtschaft, sagte etwa Ken Goldstein, Mitarbeiter des Wirtschaftsforschungsinstituts Conference Board. Riesig hingegen waren die emotionalen Auswirkungen der Anschläge.

Angst und die nunmehrige Gewissheit, dass jeder zu jedem Zeitpunkt an jedem Ort der Welt ein Opfer von Terroranschlägen werden könnte, haben die Wirtschaft verändert. Direkte Leidtragende sind Airlines und Reiseveranstalter. Aber auch die Strategie nicht direkt Betroffener änderte sich. Barry Eichengreen, Wirtschaftsprofessor in Berkeley: "Unternehmen wie McDonald's oder Starbucks, die nur noch außerhalb der USA wachsen können, sind nun mit hohen Sicherheitskosten konfrontiert. Viele US-Manager wollen nicht mehr ins Ausland. Expansionsprogramme werden gebremst oder gestoppt."

Auswirkungen umstritten

Über die Auswirkungen der Anschläge auf das Wirtschaftswachstum streiten sich die Experten. Manche sind sogar der Auffassung, dass die Anschläge die Rezession zumindest in den USA abgemildert oder sogar verkürzt hätten. Die Rezession begann im März 2001, ein halbes Jahr vor den Attacken. Das schlimmste Quartal war das zweite, während das dritte mit den Anschlägen kleinere Verluste brachte - und im vierten gab es bereits wieder Wachstum (siehe Grafik). Und dieses Wachstum wäre nur möglich geworden, weil die Notenbank die Zinsen nach dem 11. September radikal gesenkt hätte und durch die Bevölkerung "ein Ruck" gegangen wäre.

Schlimmer als die direkten Auswirkungen auf die Wirtschaft seien die nachgelagerten, indirekten, meint der Chef des Instituts für Höhere Studien, Bernhard Felderer: "Der Krieg gegen den Terror führte und führt zu gewaltigen Budgetdefiziten in den USA in der der Höhe von vier, fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Und niemand weiß, wie viel es noch kostet." Für die Weltwirtschaft und das Wachstum sei der immense und immer weiter wachsende Kapitalbedarf der Vereinigten Staaten ein großes Problem. "Wenige Jahre Jahre davor haben die USA noch große Überschüsse erwirtschaftet. Diese rasche Umstellung ist nicht gerade leicht."

Veränderte Verhaltensmuster

Auch bei den Konsumenten zeigen sich zwei Jahre nach der Katastrophe nachhaltig veränderte Verhaltensmuster. Zwar sei die Konjunktur gerade von den Verbrauchern "durchgetragen" worden, meint Felderer. Doch Wirtschaftspsychologen zeichnen ein Bild von nachhaltiger Verunsicherung, vom Verlust der Geborgenheit in der westlichen Welt. "Die Anschläge haben die Konsumenten von einem Sockel des Vertrauens und der Sicherheit gestoßen und damit labilisiert", meint Erich Kirchler, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Universität Wien. "Und das hat langfristige Auswirkungen."

Wenn beispielsweise auf der Titelseite großer Zeitungen und im Fernsehen Morde oder andere Negativnachrichten dominieren, verzeichnen große Kaufhausketten Umsatzrückgänge von fünf bis zehn Prozent an diesem Tag. Die indirekte Auswirkung des 11. Septembers sei eine große Sensibilisierung der Konsumenten auf negative Nachrichten. Eine solcherart intensivere Reaktion der Konsumenten auf Skandale wie Enron oder Epidemien wie Sars sei so erklärbar. So steckt der 11. September noch lange in uns allen. (Michael Moravec, DER STANDARD Print-Ausgabe, 11.9.2003)

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11. September
derStandard.at/politik

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    Kriegsschauplatz Wall Street. Die wichtigste Börse der Welt blieb nach dem 11. September vier Tage geschlossen.

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