Hört doch mit dem Gedenken an den 11. September auf!

19. September 2003, 18:21
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Praktisch niemand kann mit dem zweiten Jahrestag wirklich etwas anfangen - Kommentar der anderen von Christopher Hitchens

"Kein Trommelwirbel, kein Glockenläuten und kein Fahnenschwingen bitte! Die Zeit des Erinnerns ist erst gekommen, wenn der Krieg vorüber ist." - Passagen aus Reflexionen eines US-Publizisten, der Lagerdenkern einst als dogmatischer Linker galt ...

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Falls ich die Stimmung von fast jedem, den ich kenne, nicht völlig falsch einschätze, dann kann praktisch niemand mit diesem zweiten Jahrestag wirklich etwas anfangen. Viele haben nur das Gefühl, dass er irgendwie beachtet werden sollte. Die erste Einstellung ist meiner Meinung nach die richtige, auch wenn sich die Leute dabei schlecht fühlen. Die zweite ist vertretbar, wirkt aber irgendwie ärmlich, zumal absehbar ist, dass die Beteiligung immer dünner werden wird.

Ich habe das auf meine Art schon vor zwei Jahren vorwegzunehmen versucht. Das, was manche Kritiker hochmütig als "fahnenschwingenden" Patriotismus abgetan haben, störte mich nicht. Ich war sogar überrascht, dass es nicht mehr davon gab. Aber ich habe nie selbst eine Fahne aufgehängt und dagegen argumentiert, eine am Gebäudes hochzuziehen, in dem ich lebe. Aus einem einfachen Grund: Wie wird es aussehen, wenn die Bemühungen nachlassen?

Es gibt nichts Entmutigenderes als eine vernachlässigt dahängende Flagge und die plötzliche Erkenntnis, dass es viel weniger geworden sind. (Die vor meinem Gebäude verschwand; niemand weiß so recht, wie und wann - und sie wurde nicht ersetzt.) Es gab noch andere Gründe, gegen die Beflaggung zu sein: Viele der unmittelbaren Opfer waren zum Beispiel keine Amerikaner.

Nötig ist ein beständiger, unaufdringlicher Stoizismus, der aus absolutem, kaltem Hass und aus der Verachtung der Aggressoren besteht, in der Entschlossenheit, dass ihre Niederlage vollständig und beschämend sein wird.

Dazu braucht man weder Trommelwirbel noch Dudelsäcke und Flaggen. Die Franzosen sagten in der Zeit, als sie die Provinzen Elsass und Lothringen verloren hatten: "Denke immer daran. Rede nie darüber." (Wir können etwas von den Franzosen lernen, wenn auch nicht von Monsieur Chirac.)

Diese stählerne Einstellung wird vom Ground-Zero-Kitsch geschwächt, auch von Veranstaltungen des Typs "yellow ribbon" (gelbe Bänder, die als Zeichen der Liebe in Zeiten der Trennung etwa um Bäume gewunden werden - Anm. d. Red.). Sie machen den Fehler, ausschließlich jenen Tribut zollen zu wollen, die an diesem Tag gestorben sind. Man muss fest darauf bestehen, dass diese Unglücklichen, oder eher ihre überlebenden Angehörigen, daran kein Eigentumsrecht besitzen. Sie symbolisieren die Tatsache, das der theokratische Terror willkürlich mordet. Aber das ist es auch schon. Die Zeit, der Gefallenen zu gedenken, kommt - so ist es immer gewesen -, wenn der Krieg vorbei ist. Dieser Krieg hat noch kaum begonnen.

Reißt euch zusammen

Drucke mit dem Buntstiftgekritzel von bestürzten Kindern und das Geraufe darum, wer wie viel aus den Kompensationsfonds bekommt, sind völlig irrelevant und lenken ab. Trockne deine Tränen, Schwester. Und du auch, Bruder. Reißt euch zusammen.

Ich denke, auch wenn es schwierig ist, jeden Tag daran, wie die vollbesetzten Jets in die Türme krachten oder wie in Flammen stehende Männer und Frauen in den Tod sprangen. Für mich ist es vielleicht etwas einfacher als für andere, daran erinnert zu werden: Mein Apartment liegt direkt an der Einflugschneise zum Washingtons National Airport, ich gehen oft am Weißen Haus und am Capitol vorbei. Aber nie, ohne mir vorzustellen, was gewesen wäre, wenn dieser Flug aus Newark nicht verspätet gewesen wäre und wenn die Passagiere des United Airlines Flugs 93 nicht rechtzeitig gewarnt worden wären und sich zum Kampf entschieden hätten.

Wäre der Kongress oder der Sitz des Präsidenten an diesem Tag zerstört worden, würden dann manche noch immer so reden, als gäbe es eine moralische Gleichwertigkeit zwischen den USA und den Taliban? Natürlich würden sie das tun. Sie können nicht anders.

Vor zwei Jahren lebte die Gesellschaft in einem Narrenparadies, weit von der Suche nach Feinden entfernt. Wenn man irgendetwas begehen soll, dann den Tag, als die Vertreibung aus dem Reich der Illusionen kam, dem Tag, der einmal als jener bekannt sein wird, an dem unsere Feinde ihren wirklich "selbstmörderischen" Fehler machten. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.9.2003)

Der in England geborene US- Autor und unkonventionelle Linke Christopher Hitchens ("Die Akte Kissinger") hat nach 9/11 seine Kolumne im kriegskritischen Magazin "The Nation" eingestellt und schreibt nun u. a. für "Vanity Fair" und "Slate".
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