Mit Essen zum Schweigen gebracht

17. September 2003, 15:16
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In ganz Österreich melden sich Betroffene und Angehörige, die ähnliche Umstände wie in Lainz erlebt haben

Wien/Innsbruck - Im Sog der vergangene Woche in Lainz aufgedeckten Missstände melden sich nun in ganz Österreich Betroffene und Angehörige, die ähnliche Umstände in Pflegeeinrichtungen erlebt haben wollen.

Wie berichtet, ist eine Überprüfung des Heimes auf der Baumgartner Höhe im Gange, nachdem eine Schwester ihre Tagebuchaufzeichnungen zur mangelnden Pflege präsentiert hat. Bis dato wurden die Vorwürfe nicht bestätigt.

Strafanzeige

Eine Innsbrucker Juristin berichtet, dass ihr Onkel und ihre Tante bereits nach kurzer Zeit in einem Heim in Wien wund gelegen waren, offene Wunden seien nicht versorgt worden. Die Juristin hat bei der Staatsanwaltschaft Strafanzeige erstattet.

Ein Wiener Rechtsanwalt verweist wiederum auf eine Sachverhaltsdarstellung zu Zuständen in Pflegeheimen und Justizanstalten, die er im November 2002 an mehrere Oberstaatsanwaltschaften in den Landeshauptstädten geschickt hat.

Klagen auch aus einem Wiener Privatheim

Angeblich seien auch in einem Wiener Privatheim Patienten nicht ausreichend versorgt worden. Beim Läuten der Notglocke habe niemand reagiert, der Nachtdienst sei nicht besetzt gewesen, Windeln seien nur dreimal in 24 Stunden gewechselt worden, lauten die Vorwürfe, die jetzt schriftlich an die MA-15-Gesundheit übermittelt wurden.

Waffen wie Mund mit Essen vollstopfen

Im derStandard.at-Forum berichtet jemand davon, dass in einem Grazer Heim, hochbetagte Menschen "ruhig" gestellt werden: "Die schlimmste aller Waffen des überforderten Pflegepersonals ist zum Beispiel den Mund mit Essen vollzustopfen, um die Renitenten zum Schweigen zu bringen." Vor Wochen soll in Lainz ein Pfleger eine Patientin misshandelt haben, laut Kurier wurde er suspendiert und am Mittwoch auch angezeigt.

Personal setzte sich indes gegen die Vorwürfe zur Wehr

Das Personal in Lainz setzte sich indes gegen die Vorwürfe zur Wehr: "Horrormeldungen" und eine "Hetzkampagne" lasse man sich nicht gefallen, so Monika Mauerhofer von der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten. Es habe Fehler bei der Hygiene gegeben, die Vorfälle seien aber "skandalisiert" worden. Anders als medial berichtet, habe man die Patienten täglich am ganzen Körper gewaschen.

Rücktrittsaufforderungen

Die Ablösung von Gesundheitsstadträtin Elisabeth Pittermann (SP) forderte am Mittwoch die Sozialsprecherin der Wiener ÖVP, Ingrid Korosec. Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat (VP) bezeichnete die Pflegemissstände in Lainz als ein "klares Versagen der Kontrolle". Unterstützung bekam Pittermann von SP-Chef Alfred Gusenbauer. (red, DER STANDARD Printausgabe 11.9.2003)

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