Multiple Sklerose: Frühere Diagnose bedeutet bessere Lebensqualität

15. September 2003, 13:14
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Die Situation der rund 8.500 beteroffenen ÖsterreicherInnen hat sich durch neue Behandlungsstrategien verbessert

Wien - Frühere und genauere Diagnose, mehr Lebensqualität kann durch eine optimale Betreuung gewährleistet werden: In den vergangenen Jahren hat sich die Situation der rund 8.500 Österreicher mit Multipler Sklerose (MS) - auch durch neue Behandlungsstrategien mit Immunmodulatoren - verbessert. Das belegt eine neue Umfrage, die am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Wien vorgestellt wurde.

"Die Multiple Sklerose betrifft in Österreich etwa 100 von 100.000 Einwohnern. Es ist die häufigste chronisch entzündliche Erkrankung von jungen Erwachsenen. Die Lebenserwartung hat sich Gott sei Dank so verbessert, dass sie gleich ist wie bei der übrigen Bevölkerung. Die Therapie hat sich gerade in den vergangenen fünf Jahren messbar verbessert", erklärte der Leiter der Abteilung für Neurologie am Krankenhaus St. Pölten, Dr. Ulf Baumhackl.

Verlauf über Jahrzehnte

Die MS bricht zumeist im Alter zwischen 20 und 40 Jahren aus. Sie verläuft über Jahrzehnte hinweg. 85 Prozent der Betroffenen haben eine zunächst schubförmige Erkrankungsform. Doch mit jeder akuten Phase können sich die auftretenden Behinderungen - vor allem Lähmungserscheinungen - summieren. Die in den vergangenen Jahren breit in die Behandlung der Patienten eingeführten Beta-Interferone und ein Copolymer (Glatirameracetat) sollen vor allem diese Schübe verhindern.

Diese basieren auf Entzündungsreaktionen im Zentralnervensystem (Gehirn, Rückenmark), bei denen aggressive Immunzellen die "Isolierschicht" der Nervenzell-Fortsätze schädigen und sozusagen zu "Kurzschlüssen" führen. Nach etwa einem Dutzend Jahren Krankheit kann das bereits zu einer Invalidität führen, bei der die Betroffenen auf den Rollstuhl angewiesen sind.

Die meisten Patienten fühlen sich nicht wirklich krank

Im Sommer dieses Jahres hat die Österreichische MS-Gesellschaft eine Umfrage unter ihren 3.400 Mitgliedern durchgeführt. Es gab mehr als 1.200 Rückmeldungen. Ein Hauptergebnis: 69 Prozent der MS-Patienten fühlten sich weder "wirklich" krank, noch "wirklich" gesund. Während sich noch 50 Prozent der 30-jährigen Patienten de facto gesund fühlten, fühlte sich die Mehrzahl der 60-Jährigen schon eher krank. Zwei Drittel wurden medikamentös behandelt, 36 Prozent mit den Immunmodulatoren (Interferon, Copolymer). Vier Fünftel der Patienten waren mit ihrer Behandlung zufrieden, sogar 87 Prozent der mit den Beta-Interferonen bzw. Copolymer Behandelten.

Einen wesentlichen Fortschritt könnten wissenschaftliche Arbeiten bedeuten, welche in den vergangenen Jahren an der Universitätsklinik für Neurologie in Innsbruck durchgeführt wurden. Oberarzt Dr. Thomas Berger meint, Multiple Sklerose sei keine homogene Krankheitsentität, sondern ein heterogener Formenkreis.

Sehnervenentzündung oft erstes Symptom

90 Prozent der Patienten haben als erste Symptome vorübergehende Sehnervenentzündungen bzw. Empfindungs- bzw. Beweglichkeitsstörungen. Dreißig Prozent der Patienten würden innerhalb von zwölf Monaten einen weiteren Krankheitsschub erleben und daher zur klinisch definitiven MS fortschreiten.

Hier sollte eine Therapie mit den Immunmodulatoren früh einsetzen, um den Krankheitsverlauf möglichst zu verzögern. "Wir können mit den Immunmodulatoren eine sehr schwere Krankheit zu einer schweren machen (...), eine leichte zu einer sehr leichten", meint der Präsident der österreichischen MS-Gesellschaft, Univ.-Prof. Dr. Lüder Deecke.

MOG-bzw. MBP-Antikörper im Blut geben Auskunft

Berger und sein Team haben in einer erst im vergangenen Juli im "New England Journal of Medicine" erschienen wissenschaftlichen Arbeit belegen können, dass das Vorhandensein von so genannten MOG- bzw. MBP-Antikörpern im Blutserum zu einer hohen Wahrscheinlichkeit mit einem Fortschreiten in Richtung einer echten MS verbunden ist. Diese Antikörper sind offenbar Teil der krankhaften Reaktion des Immunsystems auf jene körpereigenen Myelin-Proteine, welche die Isolierschicht der Nervenzell-Fortsätze bilden.

Nur 23 Prozent der seronegativen Patienten (ohne diese Antikörper, Anm.) bekamen einen weiteren Krankheitsschub in einem mittleren Zeitpunkt von 45 Monaten. Hingegen erlitten 95 Prozent mit beiden Antikörpern binnen sieben bzw. 14 Monaten einen weiteren Krankheitsschub. Dies könnte in Zukunft dazu verhelfen, die besonders gefährdeten Menschen nach möglichen Erstsymptomen zu identifizieren und möglichst frühzeitig zu behandeln. (APA)

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