Euro-Referendum: "Es müßte noch Drastisches passieren"

12. September 2003, 20:46
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Politologe Mikael Gilljam sieht wenig Hoffnung für Ja zum Euro

Stockholm - "Es sieht derzeit sehr finster aus für die Ja-Seite". Zu diesem Urteil kommt Mikael Gilljam, Professor für Staatswissenschaften an der Universität Göteborg in einem Telefoninterview mit der APA am Mittwoch zu den Aussichten des Euro, am Sonntag doch noch Grünes Licht für den Einzug in die schwedischen Geldbörsen zu erhalten. "Ich glaube an ein Nein", legte sich Gilljam fest. Um die Stimmung wenige Tage vor der Abstimmung noch umzudrehen, müßte etwas Drastisches passieren. "Ich kann mir nicht vorstellen, wie das gehen soll, so der Politologe. Knapp nach dem Interview wurde die schwedische Außenministerin Anna Lindh in einem Einkaufszentrum Kaufhaus von Stockholm überfallen und niedergestochen. Die schwedische Regierung setzte ihre Kampagne für die Abstimmung über den Euro am kommenden Sonntag aus.

Das von einigen Beobachtern ins Treffen geführte Argument, die Auslandsschweden und die abstimmungsberechtigen Zuwanderer, deren Meinung in den Umfragen nicht oder nur unzureichend erfasst wurde, könnten für ein unerwartetes Ergebnis sorgen, lässt Gilljam nicht gelten. "Das kann so einen großen Unterschied nicht aufwägen".

Späte Entscheidung

Gilljam verwies gleichzeitig auf die noch ausständigen Fernsehdebatten am Freitag und Samstag, die möglicherweise den Trend noch beeinflussen könnten und schränkt gleichzeitig ein: "Auch 1994 (Abstimmung über den EU-Beitritt Schwedens, Anm.) und in den achziger Jahren, als es um den Ausstieg aus der Atomkraft ging, passierte in den letzten Tagen nicht mehr viel. Dass sich viele Leute spät entscheiden, heißt nicht, dass noch große Änderungen passieren", meinte der Politikwissenschaftler in Hinblick auf Vermutungen, die Zahl der Unentschlossenen könnte einen unerwarteten Ausschlag zu Gunsten der Ja-Seite geben.

"2002 stimmte etwas nicht mit der Fragestellung in den Umfragen", so Gilljam zu dem Debakel, das die Umfrageinstitute erlitten, als sie Ministerpräsident Göran Persson bis zum Schluss eine vernichtende Niederlage prophezeiten und dieser dann am Wahlabend als strahlender Sieger dastand. Damals, so Gilliam, hatten sich die Demoskopen wegen der falschen Zuordnung von Wählern, die bei den vorangegangenen Wahlen 1988 nicht sozialdemokratisch gewählt, in der Zwischenzeit aber die Farbe gewechselt hatten, zu einer fehlerhaften Prognose hinreißen lassen. "Fehler können auch diesmal passieren" gibt Gilljam zu, "aber ich kann mir nicht vorstellen, worin die bestehen könnten", bekräftigt er seine These.

"Wunschdenken"

Eine von der Tageszeitung "Svenska Dagbladet" am Mittwoch durchgeführte Online-Befragung, die andeutet, dass viele Leute in Schweden dennoch an einen Sieg der Euro-Befürworter glauben, wischt Gilljam vom Tisch: Das sein ein "Wunschdenken" der Leserschaft, "vorwiegend Bürgerliche und Konservative", die eine höherer Ausbildung besäßen. Die "ältesten Leute, wo der Widerstand am größten ist", verwendeten kaum das Internet, so die Einschätzung des Politikwissenschaflers.

Zum Schluss streckt Gilljam den von den Umfragen und den Medien gebeutelten schwedischen Euro-Befürwortern doch noch einen Strohhalm hin: "Es kann immer noch ein bisschen spannend werden. Es kann knapper werden, als es heute aussieht". (APA)

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