"Sweet Sixteen": Alle Wege führen nach unten

23. Juli 2004, 10:18
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Ken Loachs "Sweet Sixteen" zeigt eine Jugend, die auf sich selbst angewiesen ist

Wien - Liam ist noch keine sechzehn. Seine Mutter sitzt im Gefängnis, und wenn er sie dort besucht, zwingt ihn Stan, ihr Lebensgefährte, Drogen einzuschmuggeln. Weigert er sich, erwarten ihn Prügel. Da verwundert es kaum, dass sich Liam, anders als mancher Jugendlicher, bloß ein halbwegs geordnetes Leben wünscht.

Ein Wohnwagen am Meer, mit Garten - das ist der Ort, an den er sich mit seiner Mutter zurückziehen möchte. Für den Weg dorthin gibt es nur falsche Mittel, die auch ihr Zweck nicht heiliger macht. Sweet Sixteen, so der euphemistische Titel des jüngsten Films von Ken Loach, erzählt eine schnörkellose Rise-and-Fall-Story, die - ganz typisch für den britischen Sozialrealisten - in einem präzis beobachteten Milieu fußt. Am Beginn von Loachs Filmarbeiten steht denn auch stets die Recherche vor Ort, gemeinsam mit seinem Drehbuchautor Paul Laverty, mit dem er schon My Name is Joe realisiert hat, der nun im Nachhinein ein wenig wie die Fortsetzung von Sweet Sixteen wirkt.

Erneut ist ein von Arbeitslosigkeit und sozialer Verrohung gekennzeichnetes Schottland der Schauplatz: die Stadt Greenock am Fluss Clyde, deren Schiffswerften längst heruntergewirtschaftet sind. Hinter den beschaulich wirkenden Fassaden der Reihenhäuser blüht der Drogenhandel; der Jugend, die Loach nunmehr ins Zentrum rückt, fehlt familiärer Rückhalt wie auch jegliche Perspektive für die Zukunft.

Liam, dem der Newcomer Martin Compston die Zähigkeit eines Tieres verleiht, und sein Freund Pinball (William Ruane) entscheiden sich vor diesem Hintergrund für den Weg, mit dem man am schnellsten zu Geld kommt: Sie steigen in das Geschäft mit Drogen ein; zunächst stehlen sie den Stoff noch, als ein Dealer Liams Einfallsreichtum - er liefert die Ware mit Pizzaboten aus - entdeckt, ködert er ihn mit attraktiven Angeboten und treibt allmählich einen Keil zwischen die Freunde.

Es gehört zu den Qualitäten Loachs, dass er noch der Kriminalität Ambivalenz abgewinnt. Sie ist nicht einfach nur die Konsequenz der zerrütteten Verhältnisse, sondern auch eine Möglichkeit sozialen Prestigegewinns: Liam legt sich allmählich ein selbstbewussteres Auftreten zu und wandelt sich auch optisch zum erfolgreichen Jungunternehmer - sodass man in seinem Aufstieg eine Parallele zu einem New-Economy-Gewinner sehen könnte, was beim kapitalismuskritischen Loach nicht verwunderlich wäre.

Eine melodramatische Schlagseite erhält Sweet Sixteen schließlich dadurch, dass Liams Motivation auf einem Trugbild beruht: Sein ganzes Streben ist nur der Versuch, der Mutter eine Alternative bieten zu können, wenn sie aus dem Gefängnis entlassen wird. Dass alte Gewohnheiten (und das falsche Bewusstsein) sich jedoch nicht einfach abschütteln lassen, hat schon frühere Filme von Loach eine defätistische Note verliehen.

Keine Einstellung vermag darin strukturelle Probleme zu überwinden - die verlogene Versöhnlichkeit der britischen Social Comedies liegt ihm fern. Sweet Sixteen sucht vielmehr in charakteristischen Halbnah-Einstellungen (Kamera: Barry Ackroyd) nach einer mitunter schmerzhaften Zeugenschaft - mit affektiver Wirkung nach Erkenntnis.

Denn Liams hoffnungsfroher Versuch, die Lebensbedingungen einmal selbst zu definieren, mündet nur in eine Serie physischer Konfrontationen - mit Pinball, seiner Schwester und zuletzt nochmals mit Stan. You stole the sun from my heart singen die Manic Street Preachers und verweisen damit bereits auf die Düsternis der Enttäuschung, in der Loach seinen Film enden lässt, wenn Liam endlich sechzehn ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.9.2003)

Von
Dominik Kamalzadeh

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sweetsixteen movie.com

Filmladen Verleih

  • Animalische Zähigkeit in einem von  Verrohung gekennzeichneten Schottland: Liam (Martin Compston) vor der Flußlandschaft des Clyde
    foto: filmladen

    Animalische Zähigkeit in einem von Verrohung gekennzeichneten Schottland: Liam (Martin Compston) vor der Flußlandschaft des Clyde

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