Nicht durch Krieg zu besiegen

12. September 2003, 22:14
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Zwei Jahre nach 9/11 und ein paar Monate nach dem Irakkrieg ist der islamistische Terrorismus wieder im Aufwind

Am 12. September 2001 erwachte die ganze Welt mit zwei Namen: Osama Bin Laden und Al-Kaida. Die üblichen Verschwörungstheoretiker aller Couleurs sollten später behaupten, gerade die schnelle Diagnose sei ein Beweis für die "Fälschung" gewesen: 9/11 sei demnach von Geheimdiensten, natürlich den amerikanischen und den israelischen, verübt worden, um der US-Regierung einen offiziellen Grund zum Losschlagen gegen die islamische Welt zu liefern. Aber nicht nur genauen Beobachtern der Szene waren der Mann und seine Organisation auch vor dem 11. September längst bekannt, und der Anschlag - allein schon die Objektauswahl, das World Trade Center - trug klar seine Handschrift.

Mit dem Namen "Al-Kaida" waren die Leser des STANDARD Ende August 1998 zum ersten Mal konfrontiert, Osama Bin Laden war zwei Wochen zuvor erstmals unser "Kopf des Tages" auf der Kommentarseite gewesen, zwei Tage nach dem Anschlag auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam (250 Tote). Ab da war die "neue islamistische Internationale" unter dem Schlagwort "Der Terrorismus der Zukunft" in den Medien präsent: Nicht mehr Staaten wie Libyen, Iran, Sudan und andere fungierten als Sponsoren und Finanziers des so genannten "islamischen Terrorismus", sondern reiche Einzelpersonen.

Und sie beschränkten ihre Unterstützung nicht nur auf kämpfende Mudjahedin an kriegerischen Brennpunkten - Afghanistan, Tschetschenien, Tadschikistan, Somalia, Jemen, Bosnien, Kosovo -, sondern vertrauten ihre Gelder erstmals einer Art Dachorganisation an, der Kaida, übersetzt "die Basis". Diese vielleicht damals noch namenlose Organisation habe bereits den Anschlag auf das World Trade Center in New York 1993 sowie Attentate in Ägypten, Jemen, Saudi-Arabien und algerische Anschläge in Frankreich mitfinanziert, hieß es.

Es sei gestattet, aus einem eigenen STANDARD-Kommentar von Ende August 1998, also gut drei Jahre vor 9/11, zu zitieren: "Selbst wenn nur die Hälfte dessen stimmen sollte, was die CIA über die Organisation des Millionärs und Ideologen Osama Bin Laden zu wissen glaubt, erfasst einen das Grauen angesichts der Möglichkeiten des zukünftigen Terrorismus einer islamistischen Internationale. Es ist das Bild eines Terrors der nächsten Generation: ohne unmittelbare Absichten und Ziele, ohne logische Opfer, blindlings, überall, als längerfristiges Projekt zur Änderung der politischen Landschaft in den Ländern des Islam." Und der Kommentar hatte den Untertitel "Die islamistische Internationale von Osama Bin Laden ist militärisch kaum zu treffen".

Aus dem WTC-Stahl ein Kriegsschiff

Manchmal hätte man nur zu gerne Unrecht. Die USA reagierten auf das Grauen des 11. Septembers mit Krieg, und wer hätte es ihnen verwehren können, sich gegen jenes Regime zu wenden, das Osama Bin Laden und seine Gruppe nicht nur beherbergte, sondern quasi mit ihr fusioniert hatte: die Taliban in Afghanistan. Aber, glaubt man Bob Woodward in "Bush at War", so wurde am Abend des 11. Septembers bereits auch der Irakkrieg beschlossen, ebenfalls unter der Flagge "Terrorismusbekämpfung". Gestern, Mittwoch, war im STANDARD eine symbolträchtige Meldung zu lesen: Das Stahlgerippe der am 11. September 2001 zerstörten Twin Towers soll in einem Kriegsschiff, der "USS New York", verarbeitet werden. Dabei deutet zwei Jahre danach alles darauf hin, dass gerade diese Antwort nicht funktioniert. Selbst die enthusiastischen Amerikaner empfinden das so: Erstmals glauben sie laut einer Umfrage, dass der Irakkrieg die Gefahr eines Terroranschlags auf die USA vergrößert und nicht, wie versprochen, verkleinert hat.

Dabei ist es nicht etwa so, dass die Strukturen des Terrornetzwerks die vergangenen beiden Jahre unbeschadet überstanden haben. Die CIA versucht die Lage der heutigen Kaida in einem neuen Bericht zu quantifizieren: Etwa zwei Drittel der Führungsspitze wurden demnach ausgeschaltet, und während die großen Namen Osama Bin Laden und Ayman al-Zawahiri, das "Hirn" der Organisation, fehlen, sind immerhin der mutmaßliche Planungschef von 9/11 und einer der Kaida-"Geschäftsführer", Abu Zubayda, in Haft. Mohammed Atef, wahrscheinlich operativer Chef der Kaida, ist tot. Mit einem wachsenden Verständnis der Strukturen sei es auch gelungen, die großen Finanzflüsse zu unterbrechen, sagt die CIA. Ihre Schlussfolgerung ist, dass Al-Kaida heute kaum einen Anschlag von der Dimension des 11. Septembers durchführen könnte.

Andererseits waren bereits in einer Kaida-Extranummer des Jane's Intelligence Report - der am Tag des Anschlags auf dem Schreibtisch der STANDARD-Redakteurin lag - die Analysten zum Schluss gekommen, dass bei Al-Kaida die operative, also mittlere Ebene eine besondere Rolle spielt, dass demnach die Organisation durch eine "Enthauptung" nicht ohne weiteres zu zerschlagen sei. Al-Kaida darf man sich nicht als hierarchisch organisiertes, straffes Gebilde vorstellen, wenngleich sie zumindest bis 2001 über Institutionen wie einen Rat (shura) unter der Führungsebene und darunter noch einige Subkomitees verfügte, die sich jedoch seit 1995, als die USA die Attentate in Kenia und Tansania mit Militärschlägen gegen Kaida-Lager in Afghanistan beantwortet hatten, im Untergrund befanden.

Aber die Stärke von Kaida lag und liegt in der Horizontalität: Sie ist als lose organisiertes Konglomerat von Gruppen zu verstehen, es ist völlig ungewiss, ob es so etwas wie einen "Beitritt" geben muss: Und so ist nicht einmal mit letzter Sicherheit zu sagen, ob es sich bei den mutmaßlichen Kaida-Attentaten seit 9/11 - etwa bei den Anschlägen auf deutsche Touristen in Tunesien, auf eine Discothek in Bali, im Zentrum von Casablanca, auf ein von Israelis geführtes und frequentiertes Hotel in Kenia - tatsächlich um von der Kaida organisierte Attentate oder eher um "Kaida-inspirierte" Attentate handelte.

Das neue Djihad-Land ist der Irak

Ebenso unklar ist die Lage im Irak, wo die USA eine neue, vor dem Krieg nicht existierende Terrorfront eröffnet haben (die Al-Kaida zugerechneten "Ansar al-Islam", Helfer des Islam, im kurdischen Nordirak waren zwar schon vorher aktiv, aber nicht gegen die USA). Der Irak ist zu einem neuen Djihad-Land geworden, wo es "ungläubige" Besatzer zu bekämpfen gibt, wie im Vor-Taliban-Afghanistan (wo die USA die Gotteskrieger gegen die Sowjets unterstützt hatten). Die Gruppen mit allerlei malerischen islamischen Namen sprießen im Irak nur so aus dem Boden. Die Schwierigkeiten der Amerikaner dort haben auch große psychologische Auswirkungen außerhalb des Irak, die nach dem schnellen Fall des Regimes von Saddam Hussein geschockte antiwestliche Szene scheint sich wieder zu erholen. Auch in Afghanistan selbst gab es in den vergangenen Wochen schwere Kämpfe wie seit 2002 nicht mehr.

Bleibt noch daran zu erinnern, dass Osama Bin Laden noch immer nicht gefunden ist, weder tot noch lebendig. Den Fehler, die Ergreifung dessen, der das Böse personifiziert, zum Kriegsziel zu erklären, begingen die USA im Irakkrieg nicht mehr: Und auch Saddam Hussein ist noch immer frei. Aber während dessen Ergreifung die Front der Saddam-Loyalisten im Irak ziemlich sicher zusammenbrechen lassen würde, braucht man sich bei Bin Laden keine Hoffnung zu machen: Der militante und terroristische Islamismus wird auch ohne ihn weiterleben, durch Krieg ist er nicht zu besiegen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.9.2003)

Nach dem 11. September 2001 haben die USA in zwei Kriegen zwei deklarierte Ziele erreicht: Die Taliban in Afghanistan und Saddam Hussein im Irak wurden gestürzt. Nicht gelungen ist es, Al-Kaida und ihre Ideologie vom Erdball zu bomben. Im Gegenteil, zwei Jahre nach 9/11 und ein paar Monate nach dem Irakkrieg ist der islamistische Terrorismus im Aufwind.
Von Gudrun Harrer

Kommentar

Die Realität: Mit dem US-Truppenabzug aus Saudi-Arabien wurde ein Wunsch Osama Bin Ladens erfüllt - von Gudrun Harrer

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