Best of Verschwörung

14. September 2003, 10:24
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Der Teufel, möglicherweise - Mehrere Bestseller beweisen: Auch die Verschwörungstheorien rund um 9/11 sind hartnäckig

"Dem Schwachsinn eine Schneise", betitelt die jüngste Ausgabe des Spiegel einen Text zu einem bedenkenswerten Phänomen: "Wie Verschwörungstheoretiker große Ereignisse der Weltgeschichte umdeuten". Nach der ewigen Frage, ob wirklich jemals amerikanische Astronauten auf dem Mond gelandet sind und neben wüsten Spekulationen rund um die Ermordung John F. Kennedys oder den tödlichen Unfall von Prinzessin Diana ist seit nunmehr zwei Jahren auch 9/11 ein beliebtes Sujet für Spielformen der Paranoia. Oder zumindest für zum Teil sehr krude Versuche, unübersichtliche Informationsgemenge so lange neu zu sortieren, bis sie die haarsträubendsten Schlüsse zulassen.

Kritik an solchen Schlüssen, wie seriös sie auch immer sein mag, hat fanatische Verschwörungstheoretiker noch nie irritiert. Und dass Paranoia (abgesehen von ihrer gesellschaftspolitischen Aussagekraft) hohen Unterhaltungswert hat, bewies Der Spiegel gleich selbst - und stellte die unzähligen Legenden und Spekulationen in den Mittelpunkt seines aktuellen 9/11-Dossiers. Als da wären: überlebende Attentäter, die immer noch frei herumlaufen; eine konspirative Beteiligung des israelischen Mossad, deretwegen im WTC kaum jüdische Opfer zu verzeichnen gewesen seien; die Fragen, ob in Pennsylvania überhaupt ein Flugzeug abgestürzt sei oder ob das Pentagon nicht viel eher von einer Bombe getroffen wurde. Wie viele Attas gab es eigentlich?

Liebster Umschlagplatz für endlose Chats auch darüber, ob im Rauch über den Twin Towers nicht auch eine Teufelsfratze zu sehen war, ist das Internet - und von dort aus nahm etwa der deutsche Journalist Matthias Bröckers Anlauf zu einem Kompendium über Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11. 9. (erschienen bei Zweitausendeins), auf das kürzlich noch ein Band über Fakten , Fälschungen und unterdrückte Beweise folgte. Band 1 ist mittlerweile ohne Mithilfe diverser Bestsellerliste in der 33. Auflage erhältlich. Bröckers scheint zunehmend in einer Materie aufzugehen, der er sich anfangs mit durchaus ironischer Distanz näherte:

Wie schrieb er noch im Vorjahr im ersten Kapitel: "Um sich gegen Skepsis und Zweifel zu immunisieren, haben Verschwörungstheorien eine seltsame Schleife eingebaut: Jede Kritik an ihnen wird automatisch zum weiteren Beweis für die Realität der unterstellten Verschwörung. Dieses Immunsystem teilen moderne Verschwörungstheorien mit ihrem historischen Vorgänger, der Dämonologie des Mittelalters: Wer die Anwesenheit des Teufels bestreitet, ist selber von ihm besessen."

So ist in einer Welt, in der (auch aufgrund breitester Desinformationsstrategien von oben) nicht ganz klar ist, was der Fall war, zumindest das reizvoll, was möglich (gewesen) wäre. Was im Übrigen nicht unbedingt bedeuten muss, dass Verschwörungstheoretiker immer falsch liegen. Frühe Mutmaßungen etwa über interne Verschwörungen gegen den CIA, eine Privatisierung der Geheimdienste, sie wurden etwa jüngst in Berichten über Beraterkreise rund um Donald Rumsfeld durchaus bestätigt. Wie meinte schon Thomas Pynchon: "Manchmal übertrifft der Paranoiker normale Mitbürger bei weitem an realistischer Einschätzung." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.9.2003)

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    Wars der Teufel?

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