Wiener Familiendrama: Abschiedsbrief beschreibt Lebensdepression

12. September 2003, 12:45
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Vater erschoss fünfjährige Tochter und sich selbst - Mutter fand die Toten - Angst vor der Scheidung als Auslöser vermutet

Wien - Zwei Tote, ein Opfer ist ein kleines Mädchen, das ist die tragische Bilanz einer Familientragödie, die sich Mittwochnachmittag im Wiener Gemeindebezirk Döbling ereignete. Ein 42-jähriger Mann erschoss zunächst seine fünf Jahre alte Tochter und richtete die Waffen anschließend gegen sich selbst. Auch er starb an den Folgen seiner Schussverletzung.

Nur auf Hypothesen können sich die Ermittler nach der Bluttat stützen. Warum der 42-jährige Gemeindebedienstete Georg W. in seiner Wohnung seine fünfjährige Tochter Katharina mit einem Kopfschuss aus einer registrierten Pistole (Kaliber 9 mm) des Herstellers Smith & Wesson tötete, wird wohl mit absoluter Gewissheit nicht mehr zu klären sein, erklärte ein Ermittler. Die Polizei geht davon aus, dass es "eine Art Kurzschlusshandlung" war.

Frau in psychologischer Betreuung

Die schwer geschockte Martina W. befindet sich in psychologischer Betreuung. "Wir haben sie auch noch nicht zu uns gebeten. Es ist fraglich, ob man sie überhaupt auf die Tat einmal ansprechen soll. Für uns ist der Sachverhalt im Prinzip ja klar", sagte Mag. Joachim Grasl vom Kriminalkommissariat West. Hergang

Der 43-Jährige holte laut Polizei seine Tochter am frühen Nachmittag von ihrem Kindergarten in Döbling ab, obwohl das mit der Mutter nicht ausgemacht war. Die Mutter des Mädchens, hatte laut Mag. Joachim Grasl vom Kriminalkommissariat West am frühen Nachmittag ein SMS von ihrem getrennt von ihr lebenden Mann erhalten, dass sich Katharina in seiner Wohnung befinde. Daraufhin fuhr die Frau in die Wohnung und entdeckte die beiden Toten.

Paar lebte getrennt

Das Paar hatte seit längerer Zeit getrennt gelebt, warum der 42-jährige Georg W. seine Tochter, die er nach Zeugenaussagen "abgöttisch geliebt" hat, gerade jetzt tötete, ist bislang unklar.

Abschiedsbrief gefunden

Der Mann hinterließ einen Abschiedsbrief, berichtete ein Ermittler. In einem Abschiedsbrief drückte Georg W. seine allgemeine Unzufriedenheit mit seinem Leben aus. "Sein Kind dürfte für ihn wirklich sein Ein und Alles gewesen sein", sagte der Kriminalist. Angst vor der Scheidung

"Es hat zwei Jahre lang funktioniert, dass das Paar getrennt lebte und die Tochter einmal bei ihr und einmal bei ihm war." Man habe einiges zusammen unternommen, zuletzt habe es sogar einen gemeinsamen Urlaub gegeben. "Vielleicht hat er angenommen, dass sie wieder zusammenkommen", so der Kriminalist. Denkbar sei aber auch, dass es bald zur endgültigen Scheidung gekommen wäre und Georg W. gefürchtet habe, seine Tochter dann weniger zu sehen, und das nicht verkraftete. "Das sind aber eben alles Hypothesen."

Deutungsversuche

Manche Fachleute bezeichnen Mord und Selbstmord im Familienkreis auch als "erweiterten Selbstmord". Besonders Frauen wollen ihre Kinder in diesen Fällen oft einer subjektiv als aussichtslos empfundenen Zukunft nicht aussetzen und nehmen sie mit in den Tod.

Andere Experten, wie der Psychiater Stephan Rudas, lehnen dagegen den Begriff des "erweiterten Suizids" als Schuldentlastung für den Täter oder die Täterin ab. Eine Selbsttötung sei die Entscheidung des Einzelnen, bringe man davor jemand anderen um, sei das schlicht und einfach Mord.

Beziehungstragödien

Im vergangenen Februar ereignete sich in der Bundeshauptstadt eine Beziehungstragödie mit vier Toten: Im Gemeindebezirk Favoriten tötete damals ein 48-Jähriger auf offener Straße seine ehemalige Lebensgefährtin, deren Sohn und ihren neuen Freund. Dann erschoss sich der Mann selbst mit der Maschinenpistole. Wenige Tage zuvor hatte eine Mutter im Bezirk Baden ihre sechsjährige Tochter, ihren Exmann und sich selbst getötet. (APA/moe, DER STANDARD Printausgabe 11.9.2003)

Ein fünfjähriges Mädchen wurde Mittwochnachmittag von seinem Vater erschossen, anschließend tötete sich der Mann. Die Mutter fand die beiden Toten.
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