"Die Malerei ist eine Erfindung der Blumen"

16. September 2003, 19:44
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Zum 75. Geburtstag des Malers Arik Brauer: eine große Retrospektive im KunstHaus Wien und eine Einladung zum Karaoke

Im architektonischen Vermächtnis seines "Schulkollegen" Friedensreich Hundertwasser zeigt Arik Brauer passende Bilder. Seinen 75. Geburtstag begeht er mit einer Retrospektive und der Einladung zum Karaoke.


Wien - Das Schöne an der Fantasie? Sie ist auch für dich da! Es braucht bloß ein bisschen Liebe dazu und ein bisschen Frieden und ab und an ein beinhartes Protestlied. Auch gegen sich selbst: "Er hod a klanes Häusl in der greanen Au. / Er hod an guten Posten und a dicke süße Frau. / Er tut si bei der Arbeit net de Händ verstauchen. / Er kaun an jeden Sonntag a Virginia rauchen. /Do sagt a mir gehts guat, auf de aundan hau i in huat. Da sogt a: ..." Karaoke!

Weil: Wer "Wickie, Slime und Paiper" sagt, muss auch sein Köpferl ab und an in Sand stecken. Gerade jetzt, wenn der Sommer verglüht und uns schon der erste Reif der langen Nacht der Museen im Schock gefrieren lässt. Am 20. September ist Kunstnachtwende, am 20. September ist das große Karaoke-Singen mit Liedern von Arik Brauer im KunstHausWien angesagt. "Da Mutter ihre Buam, fallen um als wie de Ruam. Do sagt a: ...": Phantastischer Realismus! Goldene Schallplatte! Dschiribim - Dschiribam!

Und Applaus. Und Zugabe. Und: "Rostiger, die Feuerwehr kummt, schiab die Haar in ..." Und: "Schieß nicht auf die Blaue Blume ...", es könnte ein Gemeindebau sein!

Als eine der Folgen des legendären Wiener Art Clubs gilt die Wiener Schule des Phantastischen Realismus. Arik Brauer war an deren erster Weltwanderausstellung maßgeblich beteiligt. Wie "Schulkollege" Friedensreich Hundertwasser misstraute er dem Gottlosen, spielte auf Vinyl Glaub nicht an das Winkelmaß ein, bereiste Europa und den Orient botschaftsträchtig mit dem Fahrrad und reüssierte mit altmeisterlich ausgeführten Einsichten in fantastische Welten. Mit Malereien der Hoffnung. Mit Fantasien zum Identifizieren und Nacherleben. Vorgefertigt, vorbeseelt. "Die Malerei ist eine Erfindung der Blumen", hat Arik Brauer einmal notiert, "man macht sich bunt, und die Insekten kommen ... Man malt ein buntes Bild, und Menschen kommen, um es zu sehen."

Sein Glaube an die heilsbringende Kraft des Bunten, an die Möglichkeit, auch die schrecklichste Erzählung formal wohlig einzuleiten, den Zuhörer am Feuer zu wärmen, geborgen im Wert bequemen Wiedererkennens zu fesseln, hat Arik Brauer offensichtlich nie verlassen. "Du isst a Kipferl, / trinkst an Kaffee, / und derweil passieren Sachen!" Wie zum Beispiel, dass der Adolf Frohner in gleich guter Absicht Matratzen aufschlitzt.

Das KunstHausWien zeigt gut 150 Bilder einer glühenden Sehnsucht nach einer vormodernen Zeit. Alle ganz Brauer. So als lägen nicht Jahrzehnte dazwischen, so als könnte man Spieler wie Marcel Duchamp einfach wegsingen: "Schach ist ein grausames Spiel", schreibt Brauer, "denn es widerspiegelt die Gesellschaft. Täuschung und Intrige versprechen Erfolg, Bauern werden geopfert, ein fast lahmer König wird mit Zähnen und Krallen verteidigt. Wenn es stimmt, dass der Existenzkampf die Intelligenz aller Wesen entwickelt und der Krieg der Vater aller Dinge ist, ist Schach ein gutes Beispiel. Schachmatt. (Der Scheich ist tot.)" (DER STANDARD, Printausgabe, 12.9.2003)

Von
Markus Mittringer

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KunstHaus Wien

Bis 18. 1.

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    copyright: arik brauer
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