Parva viennensia

5. Oktober 2003, 19:36
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Theodor W. Adorno hatte eine besondere Beziehung zu Wien. Er studierte bei Alban Berg, argumentierte gegen Karajan und wäre, meint Lotte Tobisch, durchaus bereit gewesen, mit ihr auch auf den Opernball zu gehen

Wien ist - da sind ja schon ganze Bücher vollgeschrieben worden über dieses Thema -, Wien ist eine alte Dame, der gleichwohl es gegeben ist, in Herren jedweden Alters und Standes holde Glücksgefühle zu wecken. Philosophen sind vor solchen Anfechtungen naturgemäß auch nicht zur Gänze gefeit, weshalb es nicht überraschen darf, rund um das feine Wiegenfest des schon mythisch entrückten Adorno auf die eine oder andere Wiener Schrulle zu stoßen, die mit der Philosophie der alten Frankfurter Schule durchaus zu tun hat. Und das nicht nur, weil beide - Wien und die Frankfurter - für Außenstehende ja nur bedingt zu begreifen sind.

In der schönen Wiener Restauration Santo Spirito hängt ein mächtiges Hirschgeweih, das, nicht ganz zu Unrecht, den Namen Adorno trägt. Und man erzählt sich, dass nicht nur dieser eine Schwarzwälder, den es - dem Meister gleich - aus nicht näher erläuterbaren Gründen nach Wien verschlagen hat, einst still hier gezecht hat. Und während er dies tat, enthüllte sich ihm mit einem Schlag das dunkle Geheimnis der Ästhetischen Theorie ebenso wie das der Negativen Dialektik. Beglückt verließ er die Lokalität. Und dachte, mit einem Male der Sprache des Meisters mächtig: "Wiener Melancholie 1967: dass es keine Wiener Melancholie mehr gibt."

Früher - ja früher - ist alles anders gewesen. Herr Wiesengrund-Adorno, den sie alle Teddie nannten, ist 1925 nach Wien gekommen, um hier bei Alban Berg Komposition zu studieren, diesen gegen Übervater Schönberg zu verteidigen und gelegentlich den Postillon d'Amour zu spielen. Daneben leitete er die Zeitschrift Anbruch, eigenen Angaben zufolge von 1928 bis 1932.

Durcheinander

Heinz Steinert freilich kommt in seinem penibel recherchierten Buch Adorno in Wien (Neuauflage 2003, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster) dahinter, dass Adornos Wien-Aufenthalt weitaus kürzer gewesen sein muss: "Was im Rückblick . . . wie zunächst acht, dann aber sicher vier Jahre aussieht, war nach offizieller Darstellung zwei Jahre und in Wirklichkeit eindreiviertel Jahre." Aber gut, das hat Wien immer schon vermocht: einem alles durcheinander zu bringen.

Wien war trotzdem ein nicht zu unterschätzender Faktor in Adornos Leben. Auch in seiner Philosophie, wie Steinert nachzuweisen versucht. Immerhin habe er in der Neuen Wiener Kompositionsschule bis ins hohe Alter eine Art ästhetisches Modell gesellschaftlichen Fortschritts gesehen, so er diesen nicht fundamental bezweifelte.

Jedenfalls schien er bei den Wiener Zwölftönern eine befreiende Entfaltung der Produktivkräfte zu erkennen, weshalb er in späteren Jahren sich auf sehr bodenständige Weise gegen Karajans Opernführung ins Zeug warf, denn Karajan war das personifizierte Produktionsverhältnis, weshalb man sagen kann: Wäre Marx ein Musikant gewesen, er hätte sich im Grab umgedreht.

Auch ob er auf den Opernball gegangen wäre, muss bezweifelt werden. Lotte Tobisch ist sich da nur bei Adorno sicher. "Er hätte sich zwar gewunden", aber sie hätte es geschafft, "dass er im Frack dort erscheint, und er hätte sich das angeschaut, mit großen Augen".

Lotte Tobisch hat Adorno auch seinen letzten Wien-Essay gewidmet. Er erschien in der Süddeutschen Zeitung, wurde später gesammelt im Band "Ohne Leitbild. Parva Aesthetica", trägt den Titel "Wien, nach Ostern 1967" und beginnt mit dem Satz: "Wiener Melancholie 1967: dass es keine Wiener Melancholie mehr gibt." Der kritische Geist ordnete sich da willig der alten Dame Wien unter.

"Unter den Reizen Österreichs . . . ist nicht der kleinste, dass man auf dem Land, und schon in der näheren Umgebung der Hauptstadt, sich fühlt wie im Süddeutschland meiner Kindheit."

In Wiens näherer Umgebung liegt die Lobau, deren große Einsamkeit "rätselhaft" ist. Noch weiter östlich "hält ein pusztahafter Bann die Menschen fern", ja die Gegend wäre archaisch, "hätten nicht die letzten deutschen Dörfer bis an die slowakische und ungarische Grenze sich vorgewagt". Dazu kommt der Blick vom Braunsberg, da "fühlt sich der militärisch durchaus Unbegabte wie ein Feldherr, so durchaus scheint das weitgestreckte Terrain den Schlachten zubestimmt".

Steigt aber Napoleon vom Braunsberg hinab, gelangt er in ein Dorf. "Zum Dorfnamen Petronell assoziiert man den Petronius, aber auch ein Gewürz, das es gar nicht gibt." Petersilie ist in Süddeutschland ja weit gehend unbekannt. So weit kann Wien einen bringen. (Wolfgang Weisgram/DER STANDARD; Printausgabe, 10.09.2003)

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    foto: derstandard.at/kultur
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